Im Land von Schneeweißchen und Rosenrot

Fachwerkromantik pur und die Märchenwelt der Brüder Grimm finden wir in Nordhessen

Der sogenannte ,,Hochsommer“ mit seinen kühlen Regenwochen und heißen Sonnentagen ist vorbei. Der Indian Summer hat begonnen. Die Zeit der Ernte, der Erntefeste und des Blätterfalls. Und – wichtig für mich – die Quecksilbersäule klettert am Tag hoffentlich nicht mehr auf 30 Grad und mehr. Nun kann ich den Troll in Bewegung setzen. Fachwerkromantik pur - das verspricht eine Reise in die mittelalterlichen Fachwerkstädte des Kurhessischen Berglandes. Lebendige Geschichte und Geschichten bei einer Erlebnisstadtführung kennen lernen, sich vom Reiz vergangener Zeiten verzaubern lassen, historische Gebäude und einzigartige Bauwerke besichtigen, das alles und noch viel mehr erwartet mich. Die alte Wasserfestung Schwalmstadt-Ziegenhain, Homberg (Efze) mit der dominierenden Marienkirche auf dem Marktplatz, die Dom- und Kaiserstadt Fritzlar, Melsungen und Alsfeld mit den imposanten Fachwerk-Rathäusern freuen sich auf meinen Besuch. Außerdem lassen sich märchenhafte Spuren in vielen nordhessischen Orten finden. Dornröschen schlief nach der Überlieferung hundert Jahre auf der Sababurg im wild-romantischen Reinhardswald. Der Hohe Meißner bei Eschwege gilt seit Jahrhunderten als Hausberg von Frau Holle. Die jungen Mädchen in Schwälmer Tracht mit ihren roten Haar-Käppchen (dem Betzel) erinnern, daran, dass das Rotkäppchen in den Wäldern des Schwälmer Landes dem Wolf begegneteEin Teil der Landschaft ist mir bekannt. Bekannt aus meiner Kindheit und aus Reisen mit unserem Troll. Als mein Erzeuger auf Einladung des Deutschen Reichs Europa kennen lernte – bis ihn die Engländer am Ärmelkanal kassierten – zog’s meine Mutter wieder Richtung Hessen. Zu ihren Eltern in Naumburg. Unweit des Edersees und unweit der Großstadt Kassel. Hier besuchte ich den Kindergarten und für einige Jahre die Schule. Machte mit Gleichaltrigen nicht nur die Stadt, sondern auch die umliegenden Wälder unsicher. In den vergangenen Jahren ging’s immer wieder mal für einen oder ein paar Tage zurück in die Kleinstadt, an der viele Erinnerungen hängen. Und weil die Stippvisiten bei meinen Cousinen oft nur die Länge einer ausgedehnten Kaffeepause hatten, will ich Naumburg und dem hessischen Bergland mit seinen Sehenswürdigkeiten einen Besuch abstatten, der die Länge einer Kaffeepause weit übertrifft.

Der südliche Teil Hessens ist lieblicher, der nördliche Teil rauer, lese ich im Deutschland-Reiseführer. Und weiter: Das Klima ist unbeständiger, mit viel mehr Regen aber auch Kälte. Mich stört’s nicht. Ich bin raues Klima gewohnt, unbeständiges Wetter mit Regen. Schließlich komme ich aus der norddeutschen Tiefebene. Aus der Landschaft, in der im Sommer nur selten der Rasensprenger und im Winter hin und wieder einmal der Schneeschieber zum Einsatz kommen muss. Für diese Planung dieser Tour standen mir der Stellplatzführer, die Internetauftritte der angefahrenen Städte, Wikipedia, das Regionalmanagement Nordhessen und als ergiebigste Quelle die Eigenwerbung der Region im Internet zur Seite.

Kleine, sanft geschwungene Landstraßen verbinden Fachwerkstädte und Märchenschlösser, tiefe Wälder und liebliche Auenlandschaften, lese ich. Vom Edersee, Diemelsee und Twistesee bei Bad Arolsen bis zum ehemaligen deutsch-deutschen Grenzfluss, der Werra. Vom Reinhardswald bis zur Festspiel- und Kurstadt Bad Hersfeld. Mittendrin die documenta-Stadt Kassel mit einem erstklassigen Kultur- und Shopping-Angebot sowie dem Bergpark Wilhelmshöhe. Vielerorts ist die Welt der Märchen und Sagen noch lebendig. Auf dem Dornröschenschloss Sababurg, auf dem ‚,Frau-Holle-Berg“ Hoher Meißner, im lieblichen Rotkäppchenland oder im Schneewittchendorf Bergfreiheit nahe Bad Wildungen. Um alles zu sehen, müsste ich Monate unterwegs sein. Doch ich habe alle paar Wochen eine Verabredung mit meinem Doc. Also suche ich aus. Stelle eine Tour zusammen, die zwei Wochen nach Möglichkeit nicht überschreiten soll.

Los geht’s am zweiten Tag nach dem astronomischen Herbstanfang. Doch schon am frühen Morgen – also kurz nach acht – steht das Tagesgestirn am wolkenlosen Himmel und schickt Strahlen zur Erde wie im höchsten Hochsommer. Mir steht beim Einräumen von Laptop, Kamera und ein paar sonstigen Kleinigkeiten wie Minikompressor zum Inhalieren und Medikamentenpäckchen bereits der Schweiß auf der Stirn. Das kann ja heiter werden, geht’s mir durch den Kopf. Und es wird heiter. Heiterer geht eigentlich nicht. Das Thermometer im Troll kennt nur einen Weg. Den nach oben. Erreicht schließlich die 30-Grad-Marke. Das bleibt dann bis in die Abendstunden. So hatte ich mir den Indian Summer – also den Altweibersommer – nicht vorgestellt. Das Hemd klebt wieder einmal am Körper.

Eigentlich wollte ich über die Autobahn nach Hannover. Doch weil in den vergangenen Tagen immer wieder heftige Staus auf der A 7 gemeldet werden, steuere ich auf der A 1 Richtung Süden. Komme ohne Halt an kilometerlangen Baustellen vorbei. Wechsle in Osnabrück auf die A 30. Dann erwischt es mich. Auf meiner geplanten Abfahrt Richtung Volkmarsen ist Vollsperrung. Nun geht’s nur noch über Bundes- und Landstraßen weiter. Kurz nach Mittag bin ich endlich am Ziel. Auf dem Stellplatz an der Nordhessenhalle, für 0 Euro aber auch ohne jeden Service. Zur Altstadt sind’s 200 Meter, steht im Führer. Und diesmal stimmt’s sogar, als ich mich mit leichtem Gepäck im Häuserschatten in Richtung Innenstadt bewege.

Volkmarsen Erstmals erwähnt wird Volkmarsen im Jahr 1155. In einer Bulle des Papstes Adrian IV. aus dem Jahre 1233 taucht der Name Volkmarsen in einem Schutzbrief von Papst Gregor IX. auf und wird als Stadt (oppidum) bezeichnet. Es scheint jedoch sicher zu sein, dass die Stadtrechte vor dieser Erwähnung verliehen wurden. Nachdem Volkmarsen Ende des 11. Jahrhunderts mainzisches Lehen der Grafen von Everstein war, die um 1200 die Kugelsburg erbauten (übrigens keineswegs zum Schutz der Stadt; vielmehr gab es des öfteren Streit und Auseinandersetzungen zwischen beiden), wurde es in der Mitte des 12. Jahrhunderts ein Amtshof des Klosters Corvey. Bereits 1277 hatte die Stadt eine eigene Münzstätte, eigene Gerichtsbarkeit und Marktrechte.

Die Kugelsburg (Wahrzeichen Volkmarsens) wurde Ende des 12. Jahrhunderts im Auftrag des Abts Widukind von Corvey im romanischen Baustil errichtet. In ihrer über 800-jährigen Geschichte erlebte und überlebte sie viele ihrer Besitzer, bis sie im siebenjährigen Krieg zerstört wurde.

Volkmarsen kaufte 1885 die Reste und die zugehörigen Ländereien. Die vor den Toren der Stadt gelegene Burg ist mit ihrem besteigbaren Turm und dem rustikalen Gastronomieangebot eine echte Attraktion. Die Aussichtsplattform und das kostenlose Fernrohr ermöglichen einen fantastischen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung. Der Innenhof und der ,,Hexenkeller“ vermitteln einen Eindruck aus der Zeit des Mittelalters, steht in der Eigenwerbung.

Als wahre Augenfreude entpuppt sich bei meinem Ausflug die Stadt. Prächtige und gepflegte Fachwerkhäuser, saubere Straßen, piekfeine Grünanlagen. Als Höhepunkt des Tages gönne ich mir in der Einkaufsmeile ein Eiskaffee, das seine fünf Euro wirklich wert ist. Weil die Altstadt eine leicht überschaubare Größe hat, gibt’s nach kurzer Zeit eine Kehrtwende zurück zum Troll. Dann geht’s aus der Stadt heraus und über schmale aber geteerte Feldwege in engen Schleifen steil bergauf Richtung Kugelsburg. Ein Glück, dass mir kein Pkw oder vielleicht sogar eine Landmaschine samt Trecker als Zugpferd entgegenkommt. Ausweichen wäre unmöglich. Fragt sich dann nur, wer von den Fahrzeuglenkern den Rückwärtsgang einlegt. Ich bestimmt nicht, denn ich habe ja alle Zeit der Welt, um das Manöver auszusitzen. Leider hat die Gaststätte unterhalb der Burgruine geschlossen. Gibt’s also keine Pause mit einem kühlen Getränk und weitem Blick aus luftiger Höhe über Volkmarsen und die waldreiche Umgebung. Nach einer Viertelstunde geht’s wieder bergab. Auch diesmal ohne Gegenverkehr.

Am späten Nachmittag erreiche ich Wolfhagen und damit meinen Übernachtungsplatz in den Bruchwiesen. 35 Plätze, die mit je drei Euro pro Übernachtung am Kassenautomaten abgerechnet werden. Zwei Euro kostet die Strompauschale für 16 Stunden. WC gibt’s nicht. Die Tür ist fest verschlossen und wird nur geöffnet, wenn Mann/Frau oder Gruppe das komplette Gebäude anmietet. Entsorgung ist möglich . . . wenn man die Geheimnummer kennt, um die Anlage zu öffnen. Die aber verschweigt mir der Platzwart, obwohl ich nach der Info einen Anspruch darauf hätte. Und von oben brennt immer noch die Sonne. Gegen 19 Uhr noch 30 Grad im Troll. Das verspricht eine warme Nacht zu werden. Und sie wird warm. Erst gegen Morgen bewegt sich das Thermometer auf die erträgliche18-Grad-Marke.

Wolfhagen Die historische Fachwerkstadt an der Deutschen Fachwerk- und der Deutschen Märchenstraße liegt im Märchenland der Brüder Grimm. Der Märchenbrunnen steht an der gleichen Stelle, wo sich früher der alte Kump (Brunnen) befand. Er wurde im Juli 1999 eingeweiht. Der Wolf mit dem Geißlein symbolisiert das Wolfhager Stadtmärchen und die enge Verbundenheit mit den Brüdern Grimm. Am 21. September 2002 wurden die von Karin Bormann-Roth geschaffenen Bronzefiguren enthüllt. Das alte Rathaus, ein dreigeschossiger, wuchtiger Fachwerkgerüstbau mit Krüppelwalmdach über einem mittelalterlichen, steinernen Sockelgeschoss mit darunter liegender Gewölbehalle, die zur Talseite hin offen war und als Verkaufshalle diente, bildet den nördlichen Abschluss des Marktplatzes. Dieser Fachwerkbau – der dritte auf dem alten Fundament – wurde nach der Brandkatastrophe im dreißigjährigen Krieg in den Jahren 1657 bis 1659 in einer gemeinsamen Anstrengung aller Bürger der Stadt errichtet. Die mächtigen Eichenbalken kamen aus dem Stadtwald, die Bürger mussten Naturalien liefern sowie Hand- und Spanndienste leisten. Der Landgraf steuerte 100 Gulden bei. Als charakteristischer Schmuck wurden 222 Margeritenornamente in die Balkenköpfe eingeschnitten. Sehenswert ist auch ,,Grimms Märchenkeller" im Alten Rathaus.

Die St.-Anna-Kirche, das Wahrzeichen der Stadt, überragt alle bebauten

Flächen. Der Bau begann unmittelbar nach der Stadtgründung. Am 28. August 1235 wurde der Altar und der um die Kirche herum angelegte Friedhof durch Bischof Bernhard von Paderborn eingeweiht. Der 55 Meter hohe Turm stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die Alte Wache entstand 1667, nachdem außerhalb der Stadtmauern ein neuer Friedhof angelegt war, in der Anfangszeit wahrscheinlich mehr als Haus der Waage (in Verbindung mit dem neu entstandenen Marktplatz) genutzt. Später wurde das Gebäude in Kriegs- und Notzeiten Wachlokal. In den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde es als Heimatmuseum eingerichtet. Nach Außen- und Innenrenovierung, zum „Café Alte Wache“ umgebaut und zur 750-Jahr-Feier (1981) der Stadt eingeweiht.

Unterhalb der auf einem Hügel erbauten Wolfhager Altstadt liegen die Bruchwiesen mit dem Mühlenbach, die früher ein Sumpf- und Sauergraswiesengelände waren. Hier wurde ab 1640 für die Wolfhager Ziegelei Lehm und Ton abgebaut. Nach der Einstellung des Abbaus wurde das Gelände in eine Parkanlage mit Freigelände für Veranstaltungen umgestaltet. Im September 2003 wurde der ,,Wohnmobilstellplatz Bruchwiesen" mit einer Grillhütte und Feuerstelle eingeweiht und 2013 erweitert.

Am Morgen lasse ich es ruhig angehen. Genieße die letzte halbe Stunde im Bett. Wasche mir den Schweiß von gestern vom Körper und stimme mich auf den neuen Tag ein. Es soll noch einmal richtig heiß werden, versprach der Wetterfrosch gestern Abend im Ersten. Mit 30 Grad im Schatten. Erst für morgen, Sonntag, hat er ein Tief angekündigt, dass nicht nur Abkühlung, sondern auch Regen bringen wird. Abkühlung kann ich gut gebrauchen, Regen aber muss nicht sein. Es macht also Sinn, den Gang in die Stadt in den Morgenstunden anzutreten. Der Weg führt vom Stellplatz steil bergauf in die Altstadt. Mit drei Pausen schaffe ich es. Dann bin ich in der Fußgängerzone. Leider sind alle Seitenstreifen mit Pkw zugeparkt. Keine schöne Aussicht für eine sehenswerte Bummelmeile mit historischen Fachwerkbauten. Zusätzliches Pech für alle Sehleute auf Schusters Rappen: Mehr oder weniger schnell flitzen die Blechkarossen auf vier Rädern durch die schmale Gasse in der Mitte der Straße. Wer hier nicht höllisch aufpasst, dem werden leicht die Hacken abgefahren.