Nach knapp drei Stunden bin ich auf dem Rückweg zum Troll. Will den restlichen Tag bei hochsommerlichen Temperaturen lieber im Schatten verbringen. Vielleicht gelingt es mir am Nachmittag sogar, dem Platzwart die Geheimnummer für die Entsorgung zu entlocken. Doch ich muss mich noch nicht einmal anstrengen. Während ich im Schatten vom Troll die leichte Brise genieße, kommt der Hüter aller Stellplätze um die Ecke: ,,Ich habe Ihnen die Zahlen für die Tür der Entsorgung in den Wagen gelegt.“ Das finde ich toll. Nicht so toll finde ich allerdings, dass  sich eine halbe Stunde später keine zwei Meter von der Aufbautür entfernt eine weiße Wand aufbaut. Die nimmt mir nicht nur die Aussicht über den Platz, sondern auch das bisschen frischen Wind, das die Temperatur im Wagen erträglich macht. Nun steht der Zeiger des Thermometers  wieder über der 30-Grad-Marke und damit eine zweite warme, sehr warme Nacht ins Haus. Aber mal ehrlich: Was kann man von einem Hobbyfahrer mit Silberrücken aus Kassel erwarten. Der muss ja kuschelparken, der braucht einfach die menschliche Nähe. Den interessiert’s nicht, dass links und rechts von mir rund 50 Meter freie Plätze vorhanden sind.

Als ich aufwache, hat das Thermometer einen großen Sprung gemacht. Nach unten. Kühle 16 Grad sind’s über der Bettdecke. Auf die Dachfenster fallen Tropfen. Erst einzeln, dann in Kompaniestärke. Wie gut, dass ich gestern Abend den Kühlschrank auf Gas umgestellt habe. In der Nacht hat sich der Strom (wieder einmal) verabschiedet. Na gut, wir sind im Sagen- und Märchenland der Brüder Grimm. Und die Aussage an der E-Säule ,,für einen Euro gibt’s acht Stunden, für zwei Euro 16 Stunden Strom“ muss wohl aus einem mir nicht bekannten Märchen der Brüder Grimm stammen. Als es draußen trocken wird, klemme ich das E-Kabel ab, entsorge Kassette und Müll.

Heute, Sonntag, soll’s weitergehen. Nach Korbach. Leider gibt’s dort keinen stadtnahen Stellplatz und noch viel weniger einen, der mit ein bisschen Service aufwarten kann. Ich werde es am Tenniscenter versuchen, Am Westring 46. Der ist laut Navi 31 Kilometer entfernt  und soll fünf Plätze haben (reservierter Parkstreifen), null Euro, zum Stadtzentrum 1,5 Kilometer, max. drei Nächte Aufenthalt. Beim Einbiegen in den Westring hat der Regen aufgehört. Fünf Plätze sind von niedrigen Hecken eingegrenzt. Ein ruhiges Plätzchen am Stadtrand mitten im Industriegebiet. Zwei Mobile stehen dort. Und ein kleines bisschen Service gibt es auch: Einen überlaufenden Papierkorb und eine große Infotafel mit dem Korbacher Stadtplan und seiner Stadtteile. Aber das war’s dann auch.

Korbach ,,Erleben Sie einen unterhaltsamen Rundgang durch die über 1000-jährige Geschichte der Hansestadt Korbach“ lädt mich die Eigenwerbung der Kommune ein. ,,Der 2,1 km lange Rundweg ,Zwischen den Mauern’ führt immer zwischen den beiden mittelalterlichen Stadtmauern einmal um die historische Altstadt herum. Das Wolfgang-Bonhage-Museum liegt im Zentrum der Korbacher Altstadt. Besuchen Sie die größte Goldlagerstätte Deutschlands mit Besucherbergwerk und Goldlehrpfad oder die zweitälteste fossilführende Erdspalte der Welt mit Überresten von Sauriern und Säugetieren. Und entdecken Sie unsere Erdgeschichte(n) im Nationalen GeoPark GrenzWelten“, lese ich im Internet.

,,Eine der schönsten Fachwerkstädte Hessens im Schnittpunkt der Handelsstraße von Frankfurt nach Bremen und der Route von Köln nach Leipzig mit dreieckigem Markplatz“, verspricht die Eigenwerbung. Mittelalterliche Befestigungsanlagen (die Stadtmauer ist noch weitgehend erhalten), mächtige gotische Hallenkirchen St. Kilian und St. Nikolai, steinerne Lagerhäuser, gotische Steinhäuser mit Treppengiebeln, Pranger, Enser Tor, Fachwerk und Rathaus sind Zeugnisse von Tradition, Macht und Reichtum. Korbach wurde 1469 in der Hanse erwähnt. Damit war Korbach die einzige hessische Hansestadt. Seit Ende April 2013 ist Korbach 22. Mitglied des neuzeitlichen Hansebundes und darf sich damit wieder ,,Hansestadt" nennen.

Besuchen soll ich auch den Eisenberg, Deutschlands reichste Goldlagerstätte, die Korbacher Spalte, eine Fossilienfundstelle aus dem Erdzeitalter Perm - Fundstätte des Procynosuchus - und das herausragende Wolfgang-Bonhage-Museum. Besonderer Anziehungspunkt ist die gut erhaltene, malerische Altstadt mit dem doppelten, mittelalterlichen Stadtmauerring und den mächtigen gotischen Hallenkirchen sowie dem um 1420 entstandenen Figurenportal der St.-Kilians-Kirche. Sehenswert sind das Rathaus von 1377 mit dem Roland, die vier gotischen Steinhäuser und die zahlreichen Fachwerkhäuser aus dem 17. und 19. Jahrhundert. Im Mittelalter wurden Rolande als Zeichen bürgerlicher Freiheit in vielen Städten aufgestellt. Sie verkörperten das Sinnbild der Eigenständigkeit einer Stadt mit Marktrecht und eigener Gerichtsbarkeit. Einer der bekanntesten dürfte der Roland in Bremen sein.

1188 verlieh der Paderborner Bischof Bernhard Korbach das Soester Stadtrecht. Auf Grund der Lage Korbachs am Schnittpunkt der Handelswege Köln-Leipzig und Frankfurt-Bremen entwickelten sich Handwerk und Handel rasch. Korbach blühte auf. Das Gebiet der Altstadt reichte bald nicht mehr aus, um alle Einwohner aufzunehmen. Die Kaufleute siedelten sich daher in zwei neuen Städten, der oberen und unteren Neustadt, außerhalb der Stadtgrenzen an, die sich bald zu einer gemeinsamen Stadt vereinigten. Im 14. Jahrhundert wurde in der Altstadt die Kilianskirche erbaut, in der Neustadt die Nikolaikirche. 1377 schließlich wurden die Altstadt und die Neustadt miteinander vereinigt. Auf der Grenze zwischen beiden Städten entstand das gemeinsame Rathaus. 1349 besuchte Kaiser (damals noch römischer König) Karl IV. die Stadt. 1414 wurde ein doppelter Mauerring, der die gesamte Siedlung umgab, vollendet. Fünf Stadttore bewachten den Zugang zur Stadt. Von diesen ist heute nur noch das Enser Tor erhalten.

Weil mich die Eigenwerbung der Kommune so nett eingeladen hat, kann ich natürlich nicht nein sagen. Aber eineinhalb Kilometer zu Fuß mit der Aussicht auf Regenschauer muss ich mir nicht antun. Mit dem Rad geht auch nicht, weil es erst zwar ziemlich bergab, aber auf dem Rückweg ziemlich bergauf geht. Per Handy hole ich mir eine Taxe. Kostet 5,20 Euro bis vors Rathaus in der Altstadt. Nett wie ich nun einmal bin, runde ich auf und der Fahrer freut sich. Zum einen übers Trinkgeld, zum zweiten über meine Ankündigung mich nach dem Erkunden der 1000-jährigen Geschichte wieder abholen zu dürfen.

Dann geht’s gemächlichen Schrittes bergauf und bergab. Gemächlichen Schrittes, weil sich die Regenwolken verzogen haben, das Tagesgestirn zwischen weißen Wölkchen aufs bunte Treiben unten schaut und das Thermometer wieder zu klettern anfängt. Klar, nach oben. Ab Mittag sollen sogar die meisten Geschäfte geöffnet haben. Die in der Fußgängerzone sowieso. Heute wird Sommerfest gefeiert. Ich schlendere durch die Altstadt, fotografiere bestens gepflegte Fachwerkhäuser, mit Liebe zum Detail und unter Einsatz von Barem prächtige, geschnitzte Eingangstüren. Überlege mir, wie viele Bösewichte wohl im Laufe der Jahrhunderte in den Halseisen am Pranger auf dem Marktplatz zur Schau und Abschreckung gestanden haben. Besichtige die mächtige St.-Kilians-Kirche und erlebe eine Mehrfachtaufe von neuen „Vereinsmitgliedern“ der evangelischen Gemeinde. Und mir entgeht auch nicht die ,,Goldspur“ (siehe Foto), die sich durch die Innenstadt zieht. An ihr entlanggehend entdecke ich die Sehenswürdigkeiten der hessischen Hansestadt.

Gold im Waldecker Land

Korbach, die alte Hansestadt und Kreisstadt des Landkreises Waldeck-Frankenberg, wirbt mit dem Slogan „Korbach goldrichtig!“. Nahe Korbach liegt der Eisenberg mit alten Bergbaustollen. Das Goldlager verläuft 150 Meter tief im Berg, 40 Meter unter der Oberfläche. Es ist kaum zu erkennen. Aber hier befindet sich das größte Goldvorkommen in Deutschland. Marc Müllenhoff vom Stadtmarketing: ,,Etwa 1,2 bis 1,7 Tonnen Gold vermutet man im Berg, aber der Abbau lohnt sich nicht." Außerdem steht der Berg mittlerweile unter Schutz, das Gold darf nicht herausgeholt werden. Führungen unter Tage veranschaulichen die Arbeit von früher. Neben dem Goldbergwerk in Goldhausen kann man die Goldspur Eisenberg erwandern. Kann erkunden, wo nach Gold-, Eisen- und Kupfererz geschürft wurde.

In der Innenstadt von Korbach bietet die Goldspur eine andere Variante der Goldsuche: Verfolgt man die in den Boden eingelassenen Goldtaler, dann lernt man die Sehenswürdigkeiten in der Altstadt kennen. Außerdem stehen die Goldmarie - in diesem Jahr die 18-jährige Jana Möseler - für goldene Zeiten und die Zimmer des Hotels Goldflair am Rathaus, in denen die Gäste in unterschiedlichsten Gold-Themenzimmern übernachten können, für Besucher bereit. Zudem bieten zahlreiche Restaurants Goldgräber-Menüs oder andere kulinarische „Kostbarkeiten“. Und zu guter Letzt kann man sich im Waldecker Land wie im alten Klondike fühlen, wenn man sich auf die Goldsuche in der Eder begibt und an einem Goldwaschkurs teilnimmt. Zum Hessentag 2018 will Korbach sich, seine Goldspur und die goldene Vergangenheit herausputzen.

Als nach ein paar Stunden die Füße rund und der Rücken feucht wird, versuche ich per Handy das Taxi zu rufen. Doch O2 lässt mich im Stich. ,,Nur SOS“ steht auf dem Display. Auch nach mehrmaligen Versuchen klappt’s nicht. Aus der Patsche hilft mir eine nette Korbacher Geschäftsfrau. Sie ruft mit ihrem Telefon die Taxe herbei. Zum Nulltarif. Und da soll mir noch einmal einer sagen, die Hessen seien Sturköppe.

Zurück am Troll gibt’s Mittagessen – Gulaschsuppe aus der Dose. Und von oben gibt’s einen kräftigen Schauer. Mit Blitz und Donner. Über eine Stunde lang. Was für ein Glück, das ich nicht auf Schusters Rappen Korbach erkundet habe. Dann hätte ich jetzt keinen trockenen Faden mehr am Leib. Erst am Spätnachmittag reißen die Wolken auf und weint der Himmel keine Tränen mehr. Und die sonntägliche Lindenstraße kann ich sogar im Licht der untergehenden Sonne ansehen.

Morgen, Montag, will ich nach Naumburg starten. 31 Kilometer muss der Troll traben. Sagt das Navi. Will ich doch nur hoffen, dass nach dem Eintreffen auf dem Stellplatz des Erlebniscamp der Wetterfrosch im Ersten Lügen gestraft wird. Er hatte Wechselhaftes angekündigt, also Regen mit Unterbrechungen.

Es wird eine ruhige Nacht. Meine vorsichtshalber aufgebaute Alarmanlage bleibt ruhig. Das kann man allerdings von dem Müllwagen morgens um sechs nicht behaupten. Für den kleinen Behälter und die danebenliegenden Reste und Tüten benötigen der oder die Arbeiter eine runde Viertelstunde – bei laufendem Motor. Dann kehrt wieder Ruhe ein. Ich mache die Augen zu und kurz vor acht wieder auf. Kaffee kochen, Frühstück machen, Mülltüte entsorgen dauert alles zusammen eine knappe Stunde (ich bin ja nicht auf der Flucht). Aber gegen halb zehn halte ich es nicht mehr aus. Zündschlüssel drehen und ab geht’s Richtung Naumburg. Es dauert keine Stunde, bis ich das Erlebniscamp Naumburg, Am Schwimmbad 12, erreiche. 19,50 Euro soll’s mich für zwei Personen kosten, inklusive vier kWh Strom und drei Minuten duschen (Nebensaison 17,- Euro), zuzüglich 0,50 Euro p.P. Kurtaxe. Mal bei der Abrechnung sehen, was es dann für eine Person kosten soll. Ich darf mir nach der Anmeldung einen Stellplatz auf der terrassenförmig angelegten Anlage aussuchen. Parke ein und freue mich, dass der Regen aufgehört hat und zwischendurch sogar ein Loch in der Wolkendecke zu sehen ist. Wenn’s so bleibt, werde ich heute Nachmittag mit dem E-Bike in die Stadt fahren.