Naumburg ,,Wissen Sie wie alt Naumburg ist?“ fragt mich die Eigenwerbung des Kneippheilbades und beantwortet diese Frage auch umgehend: ,,Trösten Sie sich, niemand kann das mit Bestimmtheit sagen. So hat man sich auf das Jahr 1207 verständigt, das Jahr der frühesten Erwähnung als ,villa nove ante castrum Nuwensburch’. Die seit 1170 bekannte Burg stand immer vor der Stadt. Im 30-jährigen Krieg wurde sie von den Braunschweigern zerstört. Ihre Steine wurden zum Aufbau der Stadt nach mehreren Bränden genutzt. Man findet die Sandsteine der alten Naumburg in der alten Rentei oder der Stadtpfarrkirche St. Crescentius. Das Stadtgebiet liegt auf einem nach Osten abfallenden Bergrücken. Es war von einer Mauer umgeben. Wenige Reste davon sind heute erhalten. In diese mittelalterliche Stadtanlage mit zwei Haupterschließungsstraßen in T-Form zogen die Bewohner der umliegenden Höfe und Dörfer. Von Naumburg aus bestellten sie ihre Felder, so entstand das Ackerbürgerstädtchen Naumburg.“

Viele Generationen von Handwerkern und Ackerbürgern haben seit der Gründung in Naumburg gelebt, Widrigkeiten und Feuersbrünste überlebt, Häuser abgerissen und neue gebaut. In der nach wie vor mittelalterlichen Stadtanlage sind die meisten der alten Fachwerkhäuser (leider hielt ein Großteil der vor Jahren gut gemeinten Modernisierung mit der Abrissbirne nicht stand) im guten Zustand. Nur ganz wenige stehen leer und sind offensichtlich dem Verfall preisgegeben.

Egal aus welcher Himmelsrichtung man sich Naumburg nähert, der Turm von St. Creszentius überragt als optischer Mittelpunkt alle Häuser. Die ältesten Bauteile sind vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Im Außenmauerwerk des Turmuntergeschosses befindet sich eine Bauinschrift mit mainzischen Wappen und der Jahreszahl 1512. In ihrer heutigen barocken Form ist die Stadtpfarrkirche nach dem großen Brand vom 9. Juli 1684 errichtet worden.

Herzstück einer mittelalterlichen Stadt ist jedoch der Marktplatz. In seiner Nähe befanden sich alle wichtigen Gebäude des öffentlichen Lebens: Kirche, Rathaus, Schule und Kurfürstliche Rentei. Die Neugestaltung des Platzes mit Verkehrsberuhigung und neuem Wasserbrunnen - nachempfunden dem ehemals vorhandenen Wasserkump - wurde 1991 abgeschlossen. Das alte Rathaus lag direkt am Marktplatz, in unmittelbarer Nähe von Kirche, Schule und Kurfürstlischer Rentei, sowie an der zur Burg hinaufführenden Straße. Das Fachwerkgebäude wurde 1883 auf Abbruch verkauft und 1884 ein Spritzenhaus mit Wachlokal auf dem Bauplatz errichtet. Das musste 1911 dem Neubau der katholischen Volksschule weichen (hier wurde ich eingeschult). Nach der Neuordnung des Schulwesens zog die Rathausverwaltung 1968 wieder an die historische Stätte um.

Das Wetter bleibt trocken. So mache ich schon kurz nach Mittag meinen Drahtesel mit elektrischer Antriebshilfe startklar. Steuere als erstes die Poststraße an. Hier, im Haus von Jakob Weinrich, habe ich zusammen mit meiner Mutter und meinem ein Jahr jüngeren Bruder gewohnt. Mutter machte dem lungenkranken und arbeitsunfähigen Besitzer den Haushalt und versorgte seine bettlägerige Ehefrau. Sie verdiente mit ihrer Arbeit während des Zweiten Weltkrieges Unterhalt und Wohnung für uns drei.

Dann geht’s weiter. Immer bergauf, Richtung Marktplatz und Kirche. Anschließend bergab Richtung Graf-Volkwin-Straße Nummer 9. Dieses Haus ist für mich von besonderer Bedeutung. Hier wohnten meine Großeltern, hier waren meine Mutter und mein Onkel Zuhause, hier verbrachte ich einen Großteil meiner Kinderjahre. An diesem Haus – in dem heute meine älteste Cousine Margret mit einem ihrer beiden Söhne wohnt – hängen viele Erinnerungen. 1793/95 wurde es als Synagoge mit 50 Männer- und 29 Frauenplätzen errichtet. Der Synagogengemeinde gehörten auch die Juden aus den damaligen Nachbargemeinden an. Neben der Synagoge errichtete man in 1845 einen Anbau mit Schulsaal und Wohnungen für den jüdischen Lehrer. Die jüdische Elementarschule bestand bis 1891. Sie wurde wegen geringer Schülerzahlen aufgegeben. Während des Judenprogroms, der ,,Reichs-Kristallnacht“ vom 9. auf dem 10. November 1938 - in Naumburg am 11. 11. 1938 - wurde der Betraum verwüstet und abgebrochen. Mein Großvater kaufte damals das Gebäude von der jüdischen Gemeinde, bevor die Mitglieder aufgrund der NS-Diktatur in alle Himmelsrichtungen flohen. Pech für ihn: 1950, nach zwölf Jahren, durfte er das Wohnhaus, das er inzwischen ausgebaut und renoviert hatte ein zweites Mal (diesmal im renoviertem Zustand) an die öffentliche Hand bezahlen, obwohl er den rechtmäßigen Kauf von der jüdischen Gemeinde mit einer Urkunde belegen konnte. 2004 wurde hier eine Gedenktafel angebracht.

Es gibt beim Besuch meiner Cousine viel zu erzählen. Viel in Erinnerungen zu schwelgen. Die Stunden vergehen wie im Fluge. Ich muss mich beeilen, um noch vor Ladenschluss den Supermarkt am Stadtrand zu erreichen. Als das geschafft ist, geht’s zurück zum Troll. Erst als es dunkel wird, vergießt der Himmel in paar Tränen.

Am nächsten Morgen steht das Tagesgestirn in voller Größe am Himmel. Die wenigen Wolken verziehen sich bald. Es wird wieder hochsommerlich warm. Für mich ist es in der Sonne kaum auszuhalten. Also lege ich einen Premiumtag ein. Fahre die Markise aus und genieße den Schatten. Mittags kurzer Einsatz in der Küche. Vorgestern und gestern gab’s Steaks vom Schwein. Heute gibt’s Steaks vom Schaf. Aus der Keule geschnitten. Mit Kartoffelsalat. Einfach lecker. Nach ausgiebiger Pause starte ich noch einmal durch. Der zweite Stadtbesuch am späten Nachmittag ist kurz. Selbst mit E-Bike bricht mir wieder mal der Schweiß aus. Also zurück in den Schatten am Troll. Um 19 Uhr zeigt das Thermometer im Wagen immer noch 30 Grad. Erst spät sackt die Temperatur auf eine für mich angenehme Gradzahl ab.

Weidelsburg Zwischen Ippinghausen und Naumburg erhebt sich der Weidelsberg mit den Resten der gleichnamigen Burg. Das gewaltige Bauwerk wurde nach verschiedenen Anbauten zur größten Burg im nördlichen Hessen. (492 Meter über NN). Sie ist eine von 20 in dieser Landschaft und war eine der bedeutendsten spätmittelalterlichen Burgen in Hessen.

Erbaut im 12. Jahrhundert, war die Weidelsburg seit Ende des 16. Jahrhunderts unbewohnt und verfiel. 1930 bis 1935 wurde das Areal unter Regierungsbaurat Dr. Georg Textor wieder freigelegt. Von 1979 bis 1987 und von 2008 bis 2011 wurde mit großem Aufwand teilrestauriert. Erhalten sind hohe Mauer- und Turmreste, wuchtige Palasbauten, Burgtore und Zwinger. Vom ehemaligen Ost-Palas bietet sich ein herrlicher Blick über die Landschaft des Naturparks Habichtswald mit ihren charakteristischen Basaltkuppen.

Im Wolfhager Land erzählt man sich die Sage von der ,,Weibertreu". Nachdem der Landgraf mit seinen Truppen wochenlang die Festung belagert hatte, baten die Burgfrauen um Gnade. Der Graf gestand ihnen zu, dass sie ihr Liebstes auf den Rücken schnallen und die Burg ungehindert verlassen dürften. Die Belagerer staunten nicht schlecht, als die Frauen mit ihren Männern auf dem Rücken erschienen und abzogen.

Noch in der Nacht wird es frisch. Ziemlich frisch. Mein Wärmemesser im Troll steht am Morgen auf zehn Grad. Zumindest nachts ist es herbstlich geworden. Das bleibt nicht lange so. Kaum ist das Tagesgestirn erschienen, heizt es wieder ein. Mit strahlend blauem Himmel, einer kleinen Brise und einen nach oben strebenden Thermometer. Ich baue ab, rechne ab (auch eine Person zahlt 19,50 Euro plus 0,50 Euro Kurtaxe), erhalte meine 15 Euro Pfand für den ,,Duschschlüssel“ zurück und setze den Troll Richtung Waldeck in Bewegung.

Es sind keine zwanzig Kilometer, als ich am Stellplatz Seeblick (Gelände an einem Hotel, 200 m vom See) eintreffe.  Von den 13 Plätzen für je elf Euro sind noch etliche frei. Einer davon gehört nun mir. Dazu Strom pauschal für drei Euro. Wasser, WC, Dusche ist in den elf Euro enthalten. Und ganz wichtig: Die Kabinenseilbahn zum Schloss Waldeck ist nebenan. Talstation rund 100 Meter entfernt. So kann auch ich  den Berg erklimmen, auf denen die mächtigen Mauern stehen. Für fünf Euro gibt’s Berg- und Talfahrt. Die letzten 500 Meter bis zum ersten Tor muss ich jedoch laufen. Mit drei, nein vier Pausen und einem durchgeschwitzten Hemd schaffe ich das. Danach bietet sich mir ein fantastischer Ausblick über Täler, Höhen und über den See. Und . . welch Wunder, es herrscht noch nicht einmal Gedränge auf der Aussichtsterrasse in luftiger Höhe.

Schloss Waldeck An der breitesten Stelle des Edersees thront das Schloss Waldeck über den bewaldeten Bergen. Von der Terrasse des Schlosses aus hat man einen herrlichen Rundblick über den Stausee, vom Eisenberg bis zum Burgberg, von Homberg bis zur Weidelsburg. Der exakte Entstehungszeitraum der schlossartigen Burganlage ist nicht bekannt. Die Höhenburg wurde im Jahr 1120 urkundlich erwähnt. Bis 1655 war die Burg, im Laufe der Zeit vielfach erneuert und schlossartig umgebaut, Residenz der Grafen von Waldeck. Danach war sie Festung und Wohnsitz eines Schlosskommandanten, später Kaserne, 1734 bis 1868 wurde sie als Zuchthaus und dann als Frauengefängnis genutzt. 1920 wechselte der Besitz zur Waldeckischen Domanialverwaltung. Heute wird die Burganlage als First-Class Hotel und Restaurant genutzt. Es gibt auch ein Museum mit der Ausstellung „Hinter Schloss und Riegel“, dort befinden sich Exponate aus der Zeit des Zuchthauses und Frauengefängnisses.

Nun gut. Nach einer knappen Stunde habe ich genug gesehen. Per Seilbahn geht’s zurück zum Troll . . . und – weil der Nachmittag gerade erst angefangen hat - Richtung Schiffsanlegestelle. Dort gibt’s Rundfahrten für eine (acht Euro) und für zwei Stunden (elf Euro). Mit der ,,Edersee Star“ – gebaut für den Edersee nach dem neuesten Stand der Technik und den hohen Anforderungen im Umweltbereich (steht im Flyer der Reederei) – steche ich in See. Einmal seeaufwärts und in der zweiten Stunde seeabwärts. Soll heißen: Ich schippere über große Teile des Edersees. In der ersten Stunde von Waldeck über Bringhausen hinaus. In der zweiten Stunde von Waldeck bis zur Sperrmauer und zurück. Nur sonntags und montags gibt’s die große Seerundfahrt bis zum Beginn des Stausees in Herzhausen und zurück. Aber heute ist ja Mittwoch. Aber immerhin führt mich meine ,,See“fahrt ja auch über Alt-Bringhausen und über den unter dem Wasser liegenden Friedhof. Damit gibt’s für mich quasi einen ,,Verwandtenbesuch“, auch wenn ich meine Urgroßeltern nie persönlich zu Gesicht bekommen habe.