Heute, Sonnabend, will ich nach Frankenberg fahren. Mal sehen, ob ich an der Ederberglandhalle ein Plätzchen finde. Im Internet habe ich gelesen, dass der bisherige Stellplatz, Teichweg 3, Wohncontainern für Flüchtlinge weichen musste. Als ich nach 45 Kilometern ankomme, stehen auf dem Platz drei Mobile. Wohncontainer stehen da auch. Die aber sind in einer hinteren Ecke zusammengeschoben. Sie sind leer. Die Flüchtlinge längst anderswo untergebracht. Bei Belegung der vier Plätze, so empfiehlt die Stadt, sei eine Ausweichmöglichkeit auf den Großparkplatz nebenan gegeben. Dass dieser Großparkplatz am Tag bis aufs letzte freie Eckchen mit Pkw zugestellt ist, hat von der Stadtverwaltung wohl noch keiner mitbekommen.

Pech für mich: Die Ederberglandhalle samt Stellplatz liegt auf einem kleinen Hügel. Die Altstadt gegenüber auf einem großen Hügel. Man könnte auch Berg dazu sagen. Mit verdammt steilem Aufstieg auf der Straße und einem noch steileren über einen kleinen Fußweg direkt in die Altstadt. Dazu scheint vom blauen Altweibersommerhimmel die Sonne. Mit aller Macht, die sie gegen Mitte September aufbringen kann.

Glück für mich: Ich spreche beim Abstieg vom kleinen Stellplatzhügel Richtung Zentrum auf dem in der Senke liegendem Parkplatz einen jungen Mann an. Frage ihn, ob er vielleicht die Rufnummer eines Taxis kennt. Die kennt er zwar nicht, aber er bietet sich selbst als Taxi an. Karrt mich ruckzuck zum Nulltarif mit seinem Auto direkt in die Altstadt. Danke, danke, danke. Lässt mich vor dem Steinhaus aussteigen und wünscht mir einen guten Tag. Dann gibt’s anschließend bei gemächlichem Schlendern in den geschichtsträchtigen Straßen und Gassen jede Menge zu sehen. Da Sonnabend ist, besuche ich den Wochenmarkt der Landfrauen in der großen Halle im Erdgeschoss des Rathauses. Spaziere langsamen Schrittes und mit Pausen bergan zur Liebfrauenkirche. Leider geschlossen. Daher gibt’s hier nur Fotos von außen. Nach einer Runde über den Untermarkt und einer zweiten über den Obermarkt geht’s im gleißenden Sonnenschein zurück zum Troll. Zu Fuß. Bergab kann ich gut.

Frankenberg ,,Wer Frankenberg besucht, staunt über die vielen jahrhundertealten Fachwerkhäuser mit den gepflegten und prächtigen Fassaden in der Altstadt“, wirbt die Kommune im Internet. Und weiter: ,,Bei genauem Hinsehen entdecken Sie kunstvolle Ausmalungen und Schnitzereien, die Auskunft geben über die ursprüngliche Nutzung vieler Häuser. Inmitten dieser märchenhaften Fachwerkkulisse erregen zehn Türme die Aufmerksamkeit der Besucher. Hier steht das über 500 Jahre alte Rathaus der Stadt. Jeden Samstag findet von 8 bis 12 Uhr auf dem Wochenmarkt der Landfrauen ein buntes Markttreiben in der Rathausschirn statt. 1421 brachen die Frankenberger ihr erstes Rathaus mit seinen Brotbänken ab. Es entstand an gleicher Stelle ein neuer dreigeschossiger Fachwerkbau, der zweimal ringsherum übersetzt war, mit zehn Erkern und vier großen Toren. Doch schon 1476 brannten nicht nur alle Fachwerkwohnhäuser der Stadt, sondern auch das erst rd. 50 Jahre alte Rathaus ab. 1509 begannen die Frankenberger mit dem Neubau ihres dritten Rathauses, das dem abgebrannten ähnlich sein sollte.

Vier Jahre brauchten die Handwerker für den Neubau in seiner jetzigen Gestalt.“ Das zehntürmige Rathaus aus dem Jahre 1509 zählt mit seiner imposanten Rathaus-Schirn zu den schönsten Rathäusern in Deutschland.

Auf den Spuren von Hänsel und Gretel und finden wir hier – wenn wir wollen - das Hexenhaus auf dem Hänsel-und-Gretel-Radweg. Märchenhafte Symbolfigur der Stadt Frankenberg (Eder) bei der Deutschen Märchenstraße ist die „Huckepackfigur" (Foto) am oberen Eingang des zehntürmigen Rathauses.

Das Steinhaus Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1319. Es diente der Repräsentation städtisch-bürgerlicher Macht gegen die damals am anderen Ende des Marktes liegende Burg und Kirche. Im Laufe der Jahrhunderte wechselten die Besitzer des Hauses so häufig wie seine Bestimmungen. Mehrfach im Besitz der Landgrafen von Hessen, wurde es von diesen zeitweise als Amtssitz der Burgmannen genutzt. Im späten 15. Jahrhundert erfolgte eine Umgestaltung der Fassade im Geschmack der Renaissance. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stürzte die rückwärtige Front ein und musste wieder aufgebaut werden. Das Haus befindet sich heute in städtischem Besitz, wurde in den siebziger Jahren entkernt und durchgreifend saniert. Heute hat die Stadtbücherei ihren Sitz im Steinhaus (nebenstehendes Foto).

Liebfrauenkirche Nach Abbruch einer kleineren Kirche wurde im Jahre 1286 an gleicher Stelle der Grundstein zu dieser Kirche gelegt. Ein Bauwerk, das als nationales Kulturdenkmal der Bundesrepublik anerkannt wurde. Die Menschen damals brauchten allerdings etwas längere Zeit für ein derartiges Bauwerk. Sie benötigten fast 100 Jahre, um dieses Meisterwerk gotischer Baukunst zu vollenden. Bedenkt man weiterhin, dass Frankenberg damals nur etwa 1200 Einwohner hatte und diese ein derart großes Bauwerk finanzierten, muss man ihre Leistung hoch einschätzen. Durch Kirchenreformen des Landgrafen Moritz des Gelehrten von Hessen-Kassel erlitt die Liebfrauenkirche im Jahre 1606 schwere Verluste. Alle Statuen, Kruzifixe und Heiligenbilder wurden aus der Kirche und der Marienkapelle entfernt und größtenteils zerstört.

Eigentlich wollte ich  am morgigen Sonntag versuchen, einen von den zwei altstadtnahen Plätzen in Homburg/Efze in der Hans-Staden-Allee zu ergattern. Doch die Nachrichtenfee im Zweiten hat wieder einmal bis zu 31 Grad (im Plusbereich) angekündigt. Und die Altstadt vom Homberg/Efze ist (wieder einmal) nur über einen steilen Anstieg zu erreichen. Ich streiche also Homberg/Efze, streiche Schwalmstadt – die größte Stadt  des Schwalm-Eder-Kreises - von meiner Liste ebenso wie Neukirchen (die Rotkäppchenstadt). Die Tracht, die die Brüder Grimm zum Märchen des Rotkäppchens inspirierte, wird noch heute von den älteren Frauen in manchen Stadtteilen Neukirchens getragen.

Statt dessen werde ich Alsfeld anlaufen. Vom Stellplatz am Erlenstadion, Fulder Tor sind’s nur 400 Meter bis in die Altstadt. Allerdings auch bergauf. Aber nicht so saumäßig steil. Die Entfernung zur historischen Altstadt ist sehr gering, verspricht der Fremdenführer. Fünf Euro soll’s pro Tag kosten. 0,50 Euro pro kWh Strom. Als ich ankomme, steht der Platz noch voller Weißware. Doch nach und nach starten die Silberrücken ihre Mobile. Es gibt freie Flächen. Nach einer Tasse Kaffe geht’s an den Aufstieg in die Stadt. Die Sonne brennt vom blauen Altweibersommerhimmel. Mehr als mir lieb ist. Weitgehend im Schatten erreiche ich das historische Viertel mit über 400 Fachwerkhäusern rund um Rathaus und Walpurgiskirche. Bummele durch die Obere Fuldergasse, über den Marktplatz und die Rittergasse zum Rossmarkt, durch die Untergasse und die Untere Fuldergasse. Ich wundere mich, dass hier die Straßen Gassen heißen. Nur die Hersfelder Straße macht da eine Ausnahme.

Rotkäppchen gibt’s zum Mitnehmen. Als Rotkäppchenkorb, als Brüder-Grimm-Märchenbuch, als Märchen-Pärchen-Legespiel, als Rotkäppchen-Geschenkkarton, als Rotkäppchen-DVD oder als Rotkäppchenpflaster.

Alsfeld 1069 wurde Alsfeld erstmals erwähnt, 1605 bereits in der ,,hessischen Chronik“ von Wilhelm Dilichs als vornehmer Ort beschrieben. Doch die Geschichte reicht weiter zurück. Wahrscheinlich schon im ausgehenden 8. Jahrhundert wurde Alsfeld von den Karolingern gegründet. Wurde bedeutender Markt- und Münzort. Begünstigt durch die Lage am Handelsweg Frankfurt/Leipzig kam Wohlstand in die Stadt. Dank der gut erhaltenen Fachwerk-Altstadt wurde Alsfeld Europäische Modellstadt für den Denkmalschutz. Noch heute prägen über 400 Fachwerkhäuser das Stadtbild. Der mittelalterliche und frühneuzeitliche Kern aus dem 15. und 16. Jahrhundert mit engen, verwinkelten Gassen und kleinen Plätzen lädt mich zum Bummeln und Flanieren ein. Mittelpunkt ist der historische Marktplatz mit dem spätgotischen Rathaus von 1512/1516. Es gehört zu den bekanntesten, aber auch zu den kunstgeschichtlich interessantesten deutschen Rathausbauten. Dieses Prunkstück, das Wahrzeichen der Stadt Alsfeld, verewigt auf einer Sonderbriefmarke, feiert in diesem Jahr – 2016 - sein 500-jähriges Jubiläum.

Nicht zu vergessen: das Märchenhaus der Brüder Grimm. In einem Fachwerkhaus aus dem Jahre 1628 kann ich die Reise in die Welt der Märchen antreten. Kann auf zwei Etagen die Märchen der Brüder Grimm in den einzelnen Ausstellungsräumen entdecken und der Märchenerzählerin im Erzählraum lauschen. Geht allerdings heute nicht. Am Sonntag hat die Märchentante frei. Das älteste Fachwerkhaus Alsfelds steht übrigens am Markt 2. Es besteht aus drei Teilen: 1350/51, 1403 und 1464/1464.

Sehenswert ist auch der mittelalterliche Brunnen, der 1974 beim Ausbau der Fußgängerzone wiederentdeckt und wiederhergestellt wurde. Er ist 7,50 Meter tief und hat einen zwei Meter hohen Wasserstand. Er ist der letzte in der Stadt. Früher hatte Alsfeld über hundert öffentliche Brunnen, die 1896 mit dem Bau der Wasserleitung nach und nach verschwanden.

Und was dem Ostfriesen der Sniertjebraten oder dem Bremer der Braunkohl, das ist dem Alsfelder die Kartoffelwurst. Die oberhessische Spezialität besteht aus Schweinefleisch, etwa 15 Prozent gekochten Kartoffeln und kräftigen Naturgewürzen.

Echt nordhessisch, Ahle Wurscht: Als Ahle Wurst bezeichnet man eine grob gekörnte, schnittfeste Rohwurstsorte. Die Bezeichnung „Ahle“ kommt vom mitteldeutschen Begriff für das Wort ‚alt‘, also ‚Alte Wurst‘. Alte Wurscht oder wie man in Nordhessen sagt, Ahle-Wurscht/Ahle-Worscht ist ein traditionelles Produkt, das aus der Hausschlachter-Tradition stammt. Noch bis vor wenigen Jahren gab es überall kleine Schweinehalter, die den Hausmetzger riefen - und dann schlachtwarm aus dem ganzen Schwein (inkl. Schinken) die Wurscht herstellten. Diese Tradition geht immer mehr zurück, sodass immer weniger Hausschlachter unterwegs sind . . . Einige Schlachter sind dabei, diese alte Tradition der Warmfleisch-Verarbeitung zu retten und weiterzuführen. Es sind nicht mehr viele . . . denn man muss schon selbst schlachten, nicht im Schlachthof schlachten lassen und zuhause nur noch die Hälften zerlegen. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die langsame Lufttrocknung: je nach Kaliber und Frisch-Gewicht der Wurscht (300 bis 1700 Gramm) muss die Wurscht drei bis zwölf Monate in einer Lehmkammer hängen. Die Gefache der Lehmkammer, also praktisch einer Fachwerk-Scheune, gleichen Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsunterschiede aus, sodass die Ahle Wurscht langsam aber sicher reift.

Ein weiterer zentraler Aspekt: Für Ahle Wurscht wird ausschließlich Salpeter (KNO3) verwendet werden, auf keinen Fall Nitritpökelsalz. Nitritpökelsalz besteht aus einer Mischung aus Kochsalz und Natriumnitrat, Natriumnitrit oder Kaliumnitrat. Nitritpökelsalz ist der ,,sichere Tod" einer luftgetrockneten Wurst, sagen die Kenner, da die Lufttrocknung nicht gut funktioniert. Außerdem bilden sich Nitrosamine, die krebserregend sind.

Interessant ist noch anzumerken, dass Ahle Wurscht mit nur 25 bis 30 Prozent Fettanteil deutlich fettärmer/fettreduzierter ist als industriell hergestellte Wurst: Hier werden zwischen 35 und 40 Prozent Fett verarbeitet, das man aber oft nicht sieht, da (legalerweise) Rote-Beete-Saft zum Einfärben eingesetzt wird. Nur so wird die Ahle Wurscht außen ,,knüppelhart" und bleibt im Biss ganz mürbe, auch nach zwölf Monaten und mehr Reifung.