Als die Füße rund, die Sonne weiter erbarmungslos von oben brennt, die Mittagszeit weit überschritten ist, geht’s zurück zum Troll. Das Thermometer steht im rollenden Ferienhaus inzwischen auf 33 Grad. Für den Rest des Tages ist Füße hochhalten angesagt. Immerhin kühlt es jetzt nachts auf etwa 16 Grad ab. So ist nicht nur die Nacht, sondern auch der Morgen erträglich. Nach 21 Uhr – also fast mitten in der Nacht – parkt ein Mobil neben mir ein. Dann gibt’s eine halbe Stunde Türenschlagen. Tür auf – rums – Tür zu. Tür auf – rums – Tür zu . . . Am nächsten Morgen brummt eben nach acht der Motor der nächtlichen Ankommer. Das (geschätzte) 80.000-Euro-Mobil setzt seine Reise fort. Bevor der Kontrolleur seine Runde macht. Fünf Euro für die Übernachtung gespart.

Nächste Station auf meiner Reise durch Fachwerkromantik pur und die Märchenwelt der Brüder Grimm soll Rotenburg an der Fulda sein. Auf dem Stellplatz ,,Wohnmobilpark an der Fulda“ Am Wittich 14 will ich mein Bett aufstellen. Von dort sollen es 500 Meter zum Zentrum sein. Wie schon in den Tagen zuvor trübt kein Wölkchen den Himmel. Der nächste Hochsommertag steht ins Haus.

61 Kilometer über Autobahn, Bundes- und Landstraßen sind schnell hinter mich gebracht. Noch bevor die Luft wieder vor Hitze flimmert, bin ich auf dem großen Stellplatz an der Fulda. Parke ein, schließe Strom an (auf der Uhr stehen noch elf kWh – Geld gespart), ziehe mein Parkticket und mache anschließend das E-Bike fertig. Dann geht’s bei noch erträglichen Temperaturen ,,ins Dorf“. Ohne Steigungen immer an der Fulda entlang. Vielleicht 500 Meter, vielleicht sind’s aber auch 900 Meter. Ohne Kletterübungen ein Klacks. Das Hinterrad meines Bike könnte ein paar Liter Luft vertragen. Dann führe es sich besser. Also steuere ich einen Fahrradladen an, um den Messingaufsatz für meine Luftpumpe zu besorgen. Das gute Stück hat sich in der Garage des Troll dünne gemacht und ist nicht wiederzufinden. Doch die Angestellte im Laden (der Chef ist nicht da) kann mir mit einem solchen Ersatzteil nicht helfen. Doch sie weiß Rat. Hilft mir mit einer neuen Pumpe aus der Klemme (danke, danke, danke). Ich pumpe meinen Fahrradreifen auf und verspreche ihr, sie für so viel Hilfsbereitschaft in mein Abendgebet aufzunehmen.

Rotenburg a. d. Fulda 750-jährige mittelalterliche Fachwerkstadt. Stadtkern mit Mauerresten, Wehrtürmen, vielen Fachwerkhäusern, Marktplatz mit historischem Rathaus. Dem Rathaus gegenüber steht das Stumpfhaus von 1609, das durch hervorragende Schnitzereien und Bemalung hervorsticht. In der Südecke des Marktplatzes steht das Hochzeitshaus von 1564/1571, ein stattlicher Renaissancebau. Hinter dem Rathaus beginnt die Fuldergasse mit zahlreichen Fachwerkbauten. Rotenburg a. d. Fulda lädt ein zu einer erlebnisreichen Zeitreise vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Außer Rathaus, Schloss und den Kirchen bestand und besteht heute noch fast ganz Alt-Rotenburg aus Fachwerkhäusern. Die meisten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, doch einige wenige haben die großen Stadtbrände in früheren Zeiten überdauert.

Die besondere Atmosphäre der Stadt aus dem 11. Jahrhundert, die Mischung aus Tradition, Geschichte und Moderne, kann ich bei einem Streifzug durch die Altstadt spüren. Den Mittelpunkt bildet der in seiner ursprünglichen Form erhaltene Marktplatz mit dem Rathaus. Der in den Jahren 1597 - 1598 errichtete prächtige Renaissancebau wies eine Besonderheit auf. Den Giebel zierte eine überlebensgroße Steinfigur, die den heiligen Jakobus darstellte. Nach schweren Beschädigungen während des 30-jährigen Krieges wurde 1656 das Rathaus ausgebaut und erhielt einen Fachwerkgiebel ohne die Steinfigur. Aus dieser Zeit stammen auch noch die Antrittspfosten des spätbarocken Treppenhauses. Neben imposanten Bauwerken verschiedenster Epochen, Kirchen und Fachwerkhäusern finden sich liebevoll in Szene gesetzte Bronzeskulpturen, die das einstige Leben in der Stadt widerspiegeln. Die durch Spenden finanzierten Skulpturen sind allein genommen schon eine Reise nach Rotenburg wert. Seit dem Jahr 2000 gibt es die Aktion ,,Kunst in die Stadt", in deren Zuge mittlerweile elf Skulpturengruppen aufgestellt wurden.

Enge Gassen, mächtige Wehrtürme, Stadtmauerreste und gepflegte Fachwerkbauten gehören ebenso zum Stadtbild wie Marktplatz, Rathaus und Jakobikirche. Klar, dass ich auch dem Stadtbrunnen im Zentrum einen Besuch abstatte. In der Stadtmauer standen vermutlich sechs Wach- und Verteidigungstürme. Zwei Rundtürme sind heute noch erhalten: Der Hexenturm diente zeitweise - wie auch der Bürgerturm - als Gefängnis. Überlieferungen zufolge saß die letzte Hexe, Anna Elsa Baldewin, 1668 ein Jahr lang im Turm. Sie wurde vermutlich verurteilt, weil sie sich mit Kräutern gut auskannte und dies den Menschen unheimlich war. Durch die untere Luke wurden die Gefangenen in den Turm gelassen, durch ein Loch in der Decke des unteren Turmraums warf man die Nahrung herab. Der Bürgerturm diente, genau wie der Hexenturm, nachdem er als Stadtbefestigung bedeutungslos geworden war, als Gefängnis.

Nicht zu vergessen das Schloss von 1470. Das Schloss in seiner heutigen Form - jetzt Sitz der Finanzschule des Landes Hessen - stammt aus verschiedenen Epochen. Um einen quadratischen Innenhof standen einst die vier Flügel des landgräflichen Schlosses unmittelbar am Ufer der Fulda. Mit dem Bau des heutigen Schlosses begann der hessische Landgraf Wilhelm IV. im Jahr 1579. Erst 37 Jahre später wurde in der Herrschaftszeit von Landgraf Moritz das Schloss im Baustil der Renaissance vollendet. Von der ursprünglichen Vierflügelanlage mit vier charakteristischen Treppentürmen in den Hofwinkeln sind drei Flügel erhalten geblieben. Der schließende Ostflügel - nach dem Park hin - enthielt einen in ganz Deutschland berühmten Rittersaal. Er wurde 1790 abgerissen. Der Südflügel hat am weitesten seinen ursprünglichen Renaissancestil bewahrt. Der Nordflügel wurde anstelle des mit der Schlosskapelle abgerissenen Renaissanceflügels nach 1790 im zeitgemäßen Empirestil gebaut. Sehenswert ist vor allem die über zwei Geschosse reichende alte Bibliothek. Die Bücher befinden sich heute im Kloster Corvey bei Höxter.

Nach ein paar Stunden Sightseeing bin ich wieder zurück. Der Stellplatz ist in den vergangenen Stunden fast voll geworden. Die meisten Fahrer sind ,,Silberrücken“ mit ihren ebenfalls in die Jahre gekommenen Frauen. Ich kann’s gut verstehen. Warum sollten sich die Rentner auch im trauten Heim vom Frühstück zum Mittagessen, vom Mittagessen zum Nachmittagskaffeestündchen und vom Nachmittagskaffeestündchen zum Abendbrot durchlangweilen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr, wenn’s draußen noch viel zu sehen und zu entdecken gibt. Im Troll sind’s wie gestern 33 Grad. Doch im Freien – im Schatten eines Baumes – lässt’s sich aushalten. Eine leichte Brise garantiert erholsames Vorsichhindösen. Warmes Essen - Schnitzel zum Beispiel mit Kartoffelsalat - gibt’s heute Abend. Jetzt ist’s auch so warm genug.

Für morgen habe ich Spangenberg auf meinem Plan. Dort gibt’s aber keinen Stellplatz. Bettaufstellen geht nur auf dem Campingplatz von Jörg Heidemeyer, Jahnstraße 23. Hoffentlich liegt der nicht weit außerhalb im Grünen.

Beim Anfahren stelle ich fest: Er liegt weit außerhalb im Grünen und hat zwei Platzwarte. Die allerdings irgendwo aber nicht auf dem Platz sind. Aber beide seien telefonisch zu erreichen, sagt mir beim Suchen auf dem Platz eine Gruppe Rotationseuropäer, die hier anscheinend ihren Wohnsitz haben. Den einen von den beiden rufe ich an. Engel heißt er. Aber als Engel entpuppt er sich nicht. Er komme am späten Nachmittag, um zu kassieren. Ich solle mich mal irgendwo hinstellen. Aber ich will (vor dem Hinstellen) die Rufnummer eines Taxis haben. ,,In die Stadt gehen kann ich nicht zu Fuß. Das ist erstens zu weit, zweitens zu warm.“ Doch der Engel am anderen Ende der Leitung kann oder will mir nicht helfen. ,,Das weiß ich nicht. Ich weiß gar nicht, ob es in Spangenberg überhaupt ein Taxi gibt.“ Damit setzt sich die Pechserie fort, die mir bereits auf der Hinfahrt ziemlichen Frust bereitete. Baustellen, Vollsperrungen und viele, kilometerlange Umleitungen. Kein Wunder, dass meine Pfadfinderin im Navi immer wieder mit ,,neu berechnen“ gefordert wird. Mir steht’s an der Halskrause. Nix wie weg. Damit entgehen mir nach der Eigenwerbung ,,die schönsten mittelalterlichen Fachwerkensembles in Hessen. Dicht gedrängte Fachwerkhäuser aus über fünf Jahrhunderten. Verwinkelte und enge Gassen, romantisch verspielte Ecken sowie reich verziertes Gebälk.“ Egal. Jetzt ist die nächste Stadt auf meiner Liste dran. Das ist Eschwege.

Doch wenn’s erst einmal in die Suppe gehagelt hat, kommt meistens noch ein dickes Ende nach. Wieder sind Durchgangsstraßen gesperrt. Umleitungen sind angesagt. Auf Landstraßen geht’s quer durch die Landschaft. Sagt der Name ja schon ,,Land“straßen. Mal mit normalen Breiten, mal so schmal, dass ich bei jedem entgegenkommenden Lkw vorsichtshalber stehen bleibe und soweit es geht Platz mache. Bergrauf und bergrunter, vorbei an abgeernteten Feldern und durch dichte Wälder, mit und ohne Haarnadelkurven. Endlich bin ich in Eschwege. Und mich laust der Affe. Zufahrt zum Knaus Campingpark hat Vollsperrung. Dorthin kommen jetzt nur Einheimische, die sich auskennen. Ich kenne mich nicht aus und habe die Schnauze voll.

Und ein zweites Mal entgehen mir heute Sehenswürdigkeiten. Mehr als 1000 Fachwerkhäuser hat die Kreisstadt des Werra-Meißner-Kreises im Norden Hessens. Mir entgeht damit auch die Kunstuhr samt dem Dietemann (die Symbolfigur der Kreisstadt), die in der Dachlaterne des ,,Pavillon" genannten, turmartigen Anbaus des Schlosses integriert sind.