Wenn’s so weitergeht, dann bin ich heute Abend Zuhause in Steden. Nächster Anlaufpunkt auf meiner Liste ist Witzenhausen. Wenn, ja wenn mir nicht wieder Straßensperren die Tour vermiesen. Und der Daus, jetzt läuft’s. Fast auf den Glockenschlag 12 laufe ich den Stellplatz Am Diebesturm an. Fünf Euro soll’s kosten. Doch ich habe an diesem verqueren Tag auch ein Quentchen Glück. Der Kassenautomat ist kaputt. Fünf Euro gespart. Und von den fünf Plätzen sind noch alle frei (wenn sich nicht gerade ein Pkw dort ausruht). Da die 30-Grad-Marke im Troll fast erreicht ist, lasse ich’s langsam angehen. Erst am Nachmittag geht’s in die Altstadt.

Witzenhausen In der Oberburgstraße ,,Am Diebesturm“ liegt der Stellplatz (auf einem öffentlichen Parkplatz) und damit in unmittelbarer Nähe des historischen Stadtzentrums. Entfernung zum Zentrum 300 Meter. Die Stadt in einem Werratal ist eines der größten und ältesten Kirschenanbaugebiete Deutschlands. Wenn die rund 150.000 Kirschbäume der Kirschen- und Universitätsstadt blühen, geht’s rund am Fuße der Burg Ludwigstein.

Das Symbol der Stadt, die Kirsche, bestimmt seit mehr als anderthalb Jahrhunderten den Jahresablauf. Erstmals erwähnt wurde die Steinfrucht im Raum Witzenhausen 1573. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Kirschenanbau in Witzenhausen als einer der wichtigsten Erwerbszweige der Stadt genannt. Zu dieser Zeit baute fast jeder dritte Haushalt Kirschen an und besaß etwa 50 eigene Bäume.

Die Stadt Witzenhausen hat sich in Sachen Kirschen auch im Bereich der Wissenschaft einen Namen gemacht und ist seit 2007 Teilstandort der Deutschen Genbank Kirsche, die sich u. a. den Sortenerhalt zum Ziel gesetzt hat. Als Ort der Lehre und Forschung befindet sich zudem im Ortsteil Wendershausen bereits seit Anfang der 1980-er Jahre eine Obstbauversuchsanlage, in der modernste Formen des Kirschenanbaus getestet werden. Hätten Sie’s gewusst: Überregional bekannt ist die Stadt auch durch die Erfindung der Biotonne.

Die attraktive Altstadt mit ihrem wertvollen Fachwerkbestand zeigt mittelalterliche Kultur und Baukunst aus acht Jahrhunderten. Besondere Höhepunkte sind das Renaissance-Rathaus, die Liebfrauenkirche, die St.- Michaels-Kapelle sowie die Reste der Stadtmauer mit ihren Türmen und das ehemalige Wilhelmitenkloster.

„Es war einmal . . ." - diese drei magischen Worte sind der Eingang in die wunderbare Welt der Grimmschen Märchen, die nachweislich zum Großteil in und um Kassel entstanden sind. Daher gibt es nach wie vor auch zahlreiche Orte, an denen die Brüder Grimm gewirkt und gearbeitet haben - beispielsweise auch in Witzenhausen. Nachdem Jacob Grimm im Dezember 1837 aus Göttingen, im damaligen Königreich Hannover vertrieben wurde, begab er sich auf einem „Umweg“ ins hessische Witzenhausen, um zu seinem Bruder Wilhelm nach Kassel zu fliehen. Begleitet wurde er von zwei Professorenkollegen der berühmten „Göttinger Sieben", die im heutigen Gasthaus „Zur Krone" aufgenommen wurden. An diesem Dezemberabend hielt er eine Freiheitsrede auf dem Witzenhäuser Marktplatz. Zu Ehren dieses Ereignisses wurde Jacob Grimm 2013 mit einer Statue auf dem Marktplatz geehrt.

Im Burghotel Witzenhausen befindet sich außerdem das Konsulat des Frau Holle-Landes, in dem alles Wissenswerte rund um die Frau Holle und sämtliche Sagen und Mythen, die sich um diese Frau ranken, vorhanden ist.

Als ich aus der Stadt zurückkomme, hat sich das mit dem Glück erledigt. Der eiserne Kassierer geht wieder. Also sind fünf Euro fällig. Abgezählt, denn der Automat gibt kein Geld zurück. Und nach und nach füllen sich die leeren Stellplätze neben mir. Mit einem herztruck als adac-Mietwagen und mit Pkw. Die haben alle Nulltarif. Noch bis nach 19 Uhr zeigt das Thermometer im Troll auf über 30 Grad. Aber das hatte ich ja seit Tagen. Nur gewöhnt habe ich daran immer noch nicht. Aber immerhin, in der nächsten Woche soll es kühler werden. Nützt mir aber nichts, denn dann bin ich Zuhause.

Nächste und vorletzte Station soll morgen Hofgeismar sein. Die Stadt mit dem Dornröschenschloss, der Sababurg. Mit einem über 600 Jahre altem Rathaus und dem ältesten Tierpark Europas. Mitten im märchenhaften Reinhardswald liegt der 130 Hektar große Tierpark. Dort leben über 700 Vierbeiner aus rund 80 Arten. Das Tierparkmuseum ist das einzige seiner Art in Deutschland. Hier kann ich – wenn ich will - nicht nur vieles über die Tiere des Tierparks erfahren, sondern auch welche von ihnen in den Märchen der Brüder Grimm eine Rolle spielen. Nach einer unruhigen und vor allem lauten Nacht, bin ich schon morgens um sieben auf den Beinen. Rund um die Uhr braust auf der Durchgangsstraße nebenan der Verkehr. Vor allem die kräftigen Dieselmotoren der schweren Lkw und die vorbeirasenden Motorräder traktieren den Gehörgang. Dem hat auch meine Schwerhörigkeit nichts entgegenzusetzen. Ganz, ganz vorsichtig parke ich nach den Frühstück aus, um bloß keinen der neben und hinter mir stehenden Pkw anzurempeln. Die haben hier zwar nichts zu suchen, aber Kontrolle durch die Stadt oder die Männchen in den blauen Uniformen – Fehlanzeige. Dann schnurrt mein Troll rund 50 Kilometer über Land- und Bundesstraßen Richtung Norden. Schon weit vor Mittag ist Hofgeismar erreicht.

Hofgeismar Im Reisemobilführer der ,,Deutschen Märchenstraße“ steht ,,Die Stadt liegt inmitten des ,Märchenlandes Reinhardswald’ mit dem schönen Dornröschenschloss Sababurg im Dreiländer-Eck Hessen/Westfalen/Niedersachsen. Stille Altstadtwinkel, historische Fachwerkbauten und die Schönheit der umgebenden Landschaft verleihen Hofgeismar einen ganz besonderen Reiz und tragen erheblich zum Wohlfühlfaktor bei.“

Dem gehe ich beim Eintreffen auf dem großflächigem Stellplatz am Sälber Tor nach. Hier stehe ich nicht allein. Mehr als ein Dutzend Mobile – in den meisten Fällen mit Silberrücken besetzt – stehen bereits in der gleißenden Sonne. Mit meiner Canon in der Hand und der Gürteltasche um die Hüften geht’s stadtwärts. Leicht bergab. Gut für mich. Denn beim Rückweg muss ich nur leicht bergauf. Das kann ich – wenn auch mit Pausen. Die Eigenwerbung der Grimm-Heimat hat nicht übertrieben. Ich bummle durch eine Fußgängerzone mit schönen Gässchen und einladenden Geschäften. Mache Pause unter Schatten spendenden Bäumen vor einem italienischen Eiscafé – mit einem Eiscafé. Nur aus dem Rundgang mit dem Hauptmann der Stadtwache wird nichts. Der findet jeweils am ersten Sonnabend und ersten Mittwoch im Monat statt.

Und heute ist Mitte September. Mit der Brunnenparkführung klappt’s auch nicht. Die ist jeden dritten Sonnabend im Monat. Und das ist noch eineinhalb Wochen hin. Als die Sonne im Zenit steht, trete ich den Rückweg an und erreiche - wie könnte es anders sein – durchgeschwitzt den Troll. Fast 34 Grad im Innern hauen mich fast um. Oberhemd aus und nix wie raus in den Schatten. Dort hänge ich dann den ganzen Nachmittag ab. Bin froh, dass eine (ganz leichte) Brise aufkommt und höre, dass dies wohl der letzte Tag mit Affenhitze gewesen sein soll. Hier gibt’s auch wieder Fernsehen und damit den Wetterbericht am Abend. Wenn’s klappt, will ich mir morgen das Dornröschenschloss Sababurg ansehen. Danach geht’s weiter nach Trendelburg und zur Trendelburg. Einen Stellplatz finde ich dort aber nicht, nur einen Campingplatz.