Sababurg Heute, Donnerstag, lässt’s sich an, wie die Tage zuvor. Kaum ist die Sonne zu sehen, schon wird’s wieder warm. Also starte ich so früh als möglich. Möglich ist’s so gegen halb neun. Runde 15 Kilometer sind bis zur Sababurg zurückzulegen. Das ist die Burg, die von einer Dornenhecke überwuchert wurde und in der die Königstochter durch einen Zauber hundert Jahre schlief. Bis sie durch einen Kuss geweckt und der Zauber gebrochen wurde. Unterhalb der ehemaligen Ritterbehausung wartet ein Parkplatz für Busse auf mich. Nach dem Abstellen des Troll geht’s nur zu Fuß weiter. Über einen steilen, wirklich steilen Aufstieg. Zum Glück unter Bäumen, die mir wohlwollend Schatten geben. Zum Nulltarif. Zum Nulltarif geht’s oben an der Burg weiter. Aber nur von außen. Im Innern nur für Hotelgäste. Ich als Sehmann darf mir nur den Eingangsbereich angucken. Selbst der recht hübsch angelegte Rosengarten bleibt mir verschlossen. Da darf ich nur einen Blick durch das mit Vorhängeschloss gesicherte Gatter werfen. Ein bisschen wenig, wenn ich an das Märchen der Brüder Grimm denke. Eine am Andenkenlädchen (noch geschlossen) ausgelegte Karte behauptet zwar, dass täglich von zehn bis18 Uhr eine Außenbesichtigung möglich ist. Doch das gehört wohl wieder in die Grimmsche Märchenecke. Es ist nach zehn. Also bleiben mir der Märchenrundgang ,,Dornröschen“, der historische Lustgarten, der Wunschbrunnen und das Brüder-Grimm-Denkmal versperrt. Genauso geht’s mit der Rosensammlung, dem Wurzgarten, der Dornröschen-Turmbesteigung und der Palas-Ruine. Also weiter. Auf nach Trendelburg.

Trendelburg - verträumte Winkel, idyllische Dorfplätze … in sieben Stadtteilen, liebevoll erhaltenes Fachwerk und historische Baudenkmale sind Zeugen einer weit zurückreichenden Geschichte der malerisch sich über der Diemel erhebenden Stadt Trendelburg. Die Region um Trendelburg ist bestens geeignet für natürliche und ursprüngliche Erholung - Mountainbiking, Wanderungen in den umliegenden Wäldern und Flussniederungen, mit dem Rad die Gegend erkunden, Kanutouren auf der Diemel oder Urlaub mit Pferden - etwas Geeignetes findet sich für jeden. Neben der Stadt Trendelburg mit einer außerordentlich gut erhaltenen Märchenburg und dem historischem Stadtkern sind auch die sieben Stadtteile sehens- und erlebenswert, sagt die Werbung. Ich will aber keine sieben Stadtteile begucken, will keinen Urlaub mit Pferden machen. Ich will nur die Trendelburg ansehen. Will den Rapunzelturm sehen, den Turm, von dem Rapunzel ihr langes Haar zum Zopf gebunden herabgelassen hat.

Die Anlage der Trendelburg (heute ein Hotel) ist eine Festung auf der Bergkuppe. Sie war von einem heute verfüllten Burggraben sowie einem Wall umgeben. Durch einen aus dem Fels geschlagenen Halsgraben ist die Burg zu den Häusern der Ortschaft abgetrennt. Über einen Holzsteg mit Zugbrücke bestand eine Verbindung. So gelangte man durch ein niedriges Tor in den Burghof. Der mächtige, genannte Rapunzelturm genannte Bergfried, der über 40 Meter hoch ist, bis zu sieben Meter dicke Wände und über 130 Stufen hat, ist in die Westmauer integriert. Er besitzt einen Fluchteingang vom Burghof her und ein Verlies. Vier Pechnasen dienten der Verteidigung. Drei originale Schießscharten sind in der Westmauer erhalten. Die restaurierte und mit Zinnen versehene Mauer ist begehbar. Gegenüber liegt das Haupttor, früher über eine Zugbrücke erreichbar. Die heutige Einfahrt ist von zwei Ecktürmen flankiert. Eine Turmspitze ist zerstört. Der andere Turm ist mit einem Fachwerkaufsatz ausgebaut. Hier wohnte früher der Torwächter, und das Stadtgefängnis befand sich im Turm. Zwei weitere Türme verstärken die Eckpunkte der Burgmauer. In einem ist ein Abtritt, die Burgtoilette, von außen zu sehen. Die Dächer des Hauptgebäudes, Festes Haus genannt, sowie der drei Ecktürme sind noch mit Sandsteinplatten gedeckt. Drei Stockwerke sind ausgebaut. Im Treppenturm, er ist noch sichtbar, war eine Wendeltreppe. Eine Erweiterung des als Amts- und Gerichtshaus dienenden Gebäudes fand nach dem Dreißigjährigen Krieg statt, indem Landgraf Karl auf der Schlosskapelle weitere Etagen aufstocken ließ. Dabei wurde die Eichentreppe eingebaut, die die alte Wendeltreppe ersetzte.

Nach einer knappen halben Stunde ist alles beguckt, was es zu begucken gibt. Mein Interesse am historischen Stadtkern hält sich in Grenzen. Da habe ich in den vergangenen Tagen Besseres gesehen. Und da ich kein Hotelgast sein will, ist das Begucken wieder einmal nur von außen möglich. Eigentlich wollte ich nun auf dem Campingplatz Trendelburg übernachten. Anreise ist allerdings ab 12 Uhr möglich. Die Uhr ist aber erst elf. Eine Stunde warten vorm Tor. Das geht bei dem Sommerwetter gar nicht. Wird der Troll also wieder in Bewegung gesetzt.

Ab geht’s nach Höxter, Ortsteil Bruchhausen. Dort gibt’s einen kostenfreien Stellplatz direkt am Flüsschen Nethe an der Bruchhäuser Straße. Das ist nun nicht mehr in Nordhessen, im Märchenland der Brüder Grimm, sondern in Nordrhein-Westfalen. Aber es wird Zeit, langsam Richtung Heimat zu steuern. Eine knappe Stunde später gehe ich dort vor Anker. Mit Blick auf Bruchhausen, auf eine Apfelbaumwiese und natürlich auf die Nethe. Dass mich die Tante im Navi mal wieder quer durch die Landschaft führt, über ganz, ganz schmale Straßen, durch Wiesen und Wälder, tunlichst breite Bundesstraßen vermeidet, das sei der Vollständigkeit nur am Rande erwähnt. Aber das macht die Tante im Navi ja mit Vorliebe. Das kenne ich schon. Am Ende hat sie dann – wenn ich endlich am Ziel ankomme – auf zehn, zwanzig oder mehr Kilometer satte 500 Meter Fahrstrecke eingespart. Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass es heute bei weitem nicht so warm geworden ist, wie in vergangenen zwei Wochen. Es ist gut auszuhalten. Ein richtiges angenehmes Altweibersommerwetter mit einem schönen, nein, wunderschönen Sommerabend.

Morgen ist Freitag. Und morgen ist ein guter Tag, um wieder in den Heimathafen in Steden einzulaufen. Mal sehen, was für enge Sträßchen mir die Tante im Navi dann anbieten wird. Und tatsächlich geht’s am nächsten Morgen erst wieder kurvenreich auf schmalen Pisten gen Norden. Doch dann hat meine Navitante ein Einsehen. Die Landesstraßen werden breiter, die Landschaft wird flacher und die Bundesstraßen sind wahre Sahne für einen Wohnmobilfahrer. Autobahnen meide ich vorerst – habe ich im Navi gesperrt – weil ich mitgekriegt habe, dass rund um Hannover Stau angesagt ist. Erst rund 50 Kilometer vor Bremen, lasse ich Autobahn wieder zu . . . und lande trotz meiner Vorsichtsmaßnahme doch in einem kilometerlangem Stau vor dem Bremer Kreuz. Aber als ich endlich die A 1 verlassen habe, geht’s auf der A 27 wieder flott voran. Gegen 15 Uhr bin ich endlich Zuhause. Ohne einen Tropfen Regen, obwohl der Wetterfrosch gestern wechselhaftes Wetter angekündigt hat. Also Regen mit Pausen. Nun kann sich der Troll wieder ausruhen. Doch bis er von Dezember bis Ende Februar in die Winterpause geht, gibt’s vielleicht noch eine interessante Tour. Ich arbeite dran.