Eine Reise vom Spreewald in den Harz
500 Kilometer Wasserläufe warten auf uns und die höchsten Berge Norddeutschlands

Willkommen in einer der idyllischsten und traditionsreichsten Region Deutschlands, heißt mich die Spreewald-Touristinformation Lübbenau willkommen. Und weiter: 100 Kilometer südöstlich Berlins liegt das Biosphärenreservat Spreewald. 1991 erhielt dieser Landstrich den Unesco-Status. Irgendwo habe ich gelesen, dass man nicht im Hochsommer in diese Auen- und Moorlandschaft fahren sollte. Wegen der Mücken. Doch ab Mitte Juni wartet auf uns das Gold des Spreewaldes – die Gurken. Wer diese Vielfalt heute nachschmecken möchte, dem sei ein Besuch auf dem Gurkenmarkt empfohlen, lese ich im ,,spreewald-info“. Dazu laden die Lübbenauer jedes Jahr im Sommer im Rahmen des Spreewaldfests ein. Dort können diverse Variationen des grünen Gemüses verkostet und erworben werden. Ob Senf-, Knoblauch-, Salz- oder Dillgurke, als Gewürz- oder saure Gurke. Es wird also höchste Zeit, ins Mücken- und Gurkenparadies an der Spree zu starten. Und wofür gibt’s Autan?
Schlau gemacht für diesen Trip haben mich: Wikipedia, Joachim Schäfer, die Internetauftritte der Tourismusverbände, der Kommunen und privaten Stellplatzanbieter. Dafür herzlichen Dank. Bei Wikipedia, wieder einmal meine ergiebigste Quelle, finde ich: Der Spreewald (niedersorbisch „die Sümpfe“) ist ein ausgedehntes Niederungsgebiet und eine historische Kulturlandschaft im Südosten des Bundeslandes Brandenburg. Der Spreewald, von seinen Bewohnern auch liebevoll ,,Pusch“ genannt, sorbisch/wendisch ,,Blota“, ist eine der faszinierendsten Niederungslandschaften Mitteleuropas. Er verdankt seine Geburt der Eiszeit. Lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Spreewaldes blubberten hier Moore und Sümpfe. Seitdem bildete  Fließen mit einer fantastischen Fauna und Flora. Hauptmerkmal ist die natürliche Flusslaufverzweigung der Spree, die durch angelegte Kanäle deutlich erweitert wurde. Als Auen- und Moorlandschaft besitzt sie für den Naturschutz überregionale Bedeutung und ist als Biosphärenreservat geschützt. Hier existieren rund 18.000 Tier- und Pflanzenarten. Nachgewiesen sind 830 Arten von Schmetterlingen, von 113 Muscheln und Schnecken und von 18 Lurchen und Kriechtieren. 48 Libellenarten, 36 Fischarten, 45 Säugetierarten und 138 Brutvogelarten wurden bisher gezählt. Dazu kommen verschiedene Waldgesellschaften, in denen Schwarzstörche, Kraniche und Seeadler Nistplätze finden. Arten der offenen Landschaft bevölkern Wiesen und  und Obstbäume. Zu ihnen gehören Sumpf– und Watvögel wie die Bekassine und der große Bachvogel. Auch der Wiedehopf, der gerne in Höhlen der alten Bäume nistet, und der Weißstorch zählen dazu.

Der Sage nach ist der Spreewald ein missglücktes Werk des Teufels. Als der Gehörnte vor langer Zeit mit seinem Ochsengespann das Bett der Spree pflügte, war er schon ein gutes Stück vorangekommen, doch die zwei Zugtiere zeigten sich müde und wollten nicht mehr so recht. Das passte dem Leibhaftigen nicht. Wutentbrannt warf er seine Mütze nach den Rindviechern und schrie sie an: ,,Dass euch verdammtes faules Vieh doch meine Großmutter hole!" Diese Aussicht muss die Tiere sehr erschreckt haben. Jedenfalls ergriffen sie die Flucht und rannten, mit dem Pflug hinterdrein, kreuz und quer davon. Statt eines ordentliches Flussbettes rissen die ausbüxenden Ochsen ein Delta mit 350 Wasserläufen, Fließen von mehr als 500 Kilometern Länge, genau weiß man es nicht.

Sorben und Wenden

Die Lausitz ist die geographische Bezeichnung des sorbischen Siedlungsgebietes, das sich über das südöstliche Brandenburg und östliche Sachsen erstreckt. Der Name kommt aus dem Slawischen von „Luzica“ und bedeutet Sumpfland. Der Spreewald liegt in der Lausitz und gehört somit auch zum Siedlungsgebiet des kleinsten slawischen Volkes, der Sorben/Wenden. Vor mehr als 1000 Jahren kultivierten sie die Landschaft. Als Vorfahren der Sorben gelten slawische Stämme, die in der Zeit der Völkerwanderung vor mehr als 1400 Jahren das Gebiet zwischen Elbe und Oder sowie der Ostsee und den deutschen Mittelgebirgen besiedelten.

Das Volk der Sorben/Wenden zählt zu den vier autochthonen Minderheiten, die in Deutschland bekannt sind. Besucher werden immer wieder von einer Besonderheit fasziniert: die Zweisprachigkeit bei Ortsschildern, Straßennamen, Beschriftungen an Betrieben, Geschäften, kommunalen Einrichtungen oder aber in Gesprächen.

Die Geschichte der Sorben und Wenden reicht bis ins 6. Jahrhundert zurück. Zur Zeit der großen Völkerwanderung verließen große Teile des slawischen Stammes ihr ursprüngliches Gebiet zwischen den Flüssen Oder und Dnepr. Sie zogen in das Gebiet zwischen Ostsee und Erzgebirge. Die etwa 20 sorbischen Stämme besiedelten ein Gebiet von zirka 40.000 qkm. Das schriftliche Zeugnis des fränkischen Chronisten Fedegar aus dem Jahr 631 berichtete zum ersten Mal von den Sorben, hier genau vom Sorbenfürsten Derwan. Er war Fürst eines zwischen Saale und Mulde siedelnden Stammes der ,,Surbi“, auf denen die Namensgebung Sorben zurückgeht.

Der Name Wenden entstand im frühen Mittelalter als Folge eines Schreibfehlers römischer Beamter. In Teilen des heutigen Oberitalien lebte der nichtslawische Stamm der ,,Vendi“ oder ,,Venethi“. Der Schreibfehler wurde zum Sammelbegriff für ost- und südeuropäische Völker, die nicht in einem eigenem Staat lebten. Keinen eigenen Staat hatten auch die Sorben. So entstand der Doppelname Sorben/Wenden. Heute leben in Sachsen und Brandenburg noch etwa 60.000 Sorben, deren Muttersprache sorbisch ist. Sorben bürgerte sich für die Oberlausitzer und der Name Wenden für die Niederlausitzer und den Spreewald ein. Die niedersorbische Sprache ist dem Polnischen nahe und die obersorbische dem Tschechischen.

Die Region ist reich an Geschichte und birgt vielfältige kulturelle Besonderheiten. Im 17. Jahrhundert hielten die sorbisch-wendischen Trachten Einzug in den Alltag der Spreewaldbewohner. Von Spreewaldort zu Spreewaldort bzw. von Kirchspiel zu Kirchspiel findet man Unterschiede z. B. in den Farben, der Länge der Röcke und der Größe der Hauben. Unterschiede gibt es auch bei den Anlässen, so gibt es Festtagstracht, Kirchgangstracht und Arbeitstracht. Der Alltagstracht begegnet man heutzutage nur noch selten. Mit dem wiederentdeckten Traditionsbewusstsein der Spreewälder werden die Festtagstrachten wieder mehr getragen – insbesondere bei den Festen und Veranstaltungen. Bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Trachten fester Bestandteil dörflicher Traditionen und spiegelten die Herkunft und den Wohlstand der Familie wider. So konnte man anhand der Stoffqualität, Farben, Schnitte und Verzierungen erkennen, aus welcher Ortschaft die Trägerin stammte und in welcher wirtschaftlichen Lage sie sich befand. Zwischen 1.500 und 2.000 Euro muss Frau heute für eine neue Tracht ausgeben.

Jede Tracht setzt sich aus mehreren Einzelteilen zusammen: Der Rock hatte entsprechend dem Anlass oder dem Familienstand der Frau eine bestimmte Farbe. Auf das untere Drittel ist ein mit Blüten verziertes Band gestickt. Über dem Rock wird eine Spitzenschürze getragen, die in der Taille mit einem Seidenband abschließt. Weste und Schultertuch bilden das Oberteil der Tracht. Die markante Haube besteht aus einem Pappgestell, das mit einem Tuch besteckt wird. In Burg findet man die letzte Trachtenstickerei, die diese Hauben noch originalgetreu herstellt.

Das Spreewaldhaus

Wer das Glück hat, ein typisches Spreewaldhaus zu bewohnen, trägt auch jede Menge Verantwortung für das meist denkmalgeschützte Blockbohlenhaus mit dem Reetdach. Immer wieder gibt es was zu tun. Das Reet muss festgeklopft, wieder aufgefüllt, die Oberfläche von Moos und Flechten gereinigt werden. Was einst billig vor der Haustür wuchs, muss heute für viel Geld eingekauft werden. Rund 30.000 Euro kostet die Neueindeckung eines Wohnhauses. Private Denkmalbesitzer können bei der Denkmalpflege Förderungen beantragen. Doch die Mittel sind beschränkt. So können in ganz Brandenburg gerade mal 15 Dächer pro Jahr gefördert werden. Nach 1900 wurden immer mehr Häuser aus Stein nach städtischem Vorbild gebaut. Typische Spreewaldhäuser sieht man in Leipe, Lehde und Burg. Burg ist die größte Streusiedlung Deutschlands. Zirka 650 Hofstellen gab es hier früher. An den Giebeln alter Häuser im Spreewald befindet sich das Symbol zweier gekreuzter Schlangen. Sie stehen für den Schlangenkönig, der die Bewohner schützen soll. Um den gekrönten König der Schlangen (sorbisch/wendisch wuzowy kral) ranken sich viele Sagen. Im Spreewald gelten Schlangen in der Regel als gute Tiere und Hausgeister.

Zahlreiche Bräuche, wie die Vogelhochzeit, das Zampern, der Zapust, das Hexenbrennen, das Aufstellen und Werfen des Maibaums, das Osterreiten, das Verzieren von Ostereiern, das Abbrennen von Osterfeuern, Erntebräuche (z. B. Stoppelreiten, Hahnrupfen, Ringreiten) und die Kirmes erfreuen sich in den einzelnen Regionen großer Beliebtheit.

Sorbische Fastnacht (Zapust) Die sorbische Fastnacht gehört zu den größten Festen in der Lausitz. Mit ihr werden der lange Winter verabschiedet sowie böse Geister und Dämonen vertrieben. Ein wichtiger Bestandteil der sorbischen Fastnacht ist das sogenannte Zampern: Hierbei ziehen kostümierte Zamperleute in Begleitung einer Kapelle mit Kiepe, Kober und Geldkassette durch das Dorf. Die Dorfbewohner halten Speck, Eier, Geld und Schnaps für die Zamperleute bereit. Den Abschluss des Zapust bilden der traditionelle Fastnachtstanz und das Eierkuchenessen.

Auch die zahlreichen Osterbräuche der Region sind auf die Sorben zurückzuführen. Zu ihnen gehören das Waleien (Eierrollen), das Holen von Osterwasser und die Tradition des Osterfeuers. In der Oberlausitz und insbesondere bei den katholischen Sorben wird außerdem das Osterreiten zelebriert.

Ostereierverzieren Beim Verzieren der Ostereier wurden von den Sorben/Wenden typische Ornamente und Techniken entwickelt. Mit der Wachs- und Kratztechnik, dem Ätzen und Bossieren entstehen bunte Kunstwerke, die Ostersträuche und -nester schmücken. Dabei werden den bunten Ornamenten verschiedene Bedeutungen zugesprochen. So geben z.B. die Wolfszähne (Dreiecke) Kraft und Schutz vor dem Bösen. Für Kraft und Urwüchsigkeit steht das Dreieck, ein „Sonnenrad“ spendet Wärme und Licht, Schutz vor bösen Dämonen gibt der Punkt oder der Kreis. Seit 1953 wird in der Lausitz bei einem Wettbewerb alljährlich das schönste sorbische Osterei ausgezeichnet.

Osterwasser Dem Osterwasser wird eine heilende und verjüngende Wirkung zugesprochen. Mit Tonkrügen holen junge Mädchen in der Nacht vor dem Ostersonntag Wasser aus dem Fluss, das beim Waschen Glück und Schönheit bewirken soll. Es muss leise und schweigend nach Hause getragen werden, durch Reden und Lachen wird es zum „Plapperwasser“ und verliert schlagartig seine Zauberkraft.

Wendisches Osterreiten Mit dem Osterreiten wird die Botschaft der Auferstehung Christi verkündet. Dieser Brauch ist vor allem bei den katholischen Sorben und in der Oberlausitz verbreitet. Über Wiesen und Felder führt der traditionelle Osterritt, bei dem die Männer am Ostersonntag festlich geschmückte Pferde satteln und in Frack und Zylinder zu den umliegenden Dörfern reiten. Der Osterritt hat seinen Ursprung in der Zeit vor der Christianisierung. Die Slawen glaubten, mit einem Frühjahrsritt um ihre Felder die bösen Geister und die Kälte des Winters zu vertreiben.

Etwas mehr als 470 Kilometer liegen vor mir, wenn ich als erste Station Schlepzig anlaufen will. Also machen wir uns rechtzeitig auf die Socken. Starten drei Minuten vor acht in Steden. Kurz vor Bremen geht’s auf die Autobahn. Bis Hannover läuft’s zügig. Aber nach der Abbiege Richtung Magdeburg und Berlin beginnt das Spiel mit den Baustellen. Kaum ist die eine als kilometerlanger Stop-and-Go hinter mich gebracht, steht nach wenigen Minuten das nächste Schild am Straßenrand, das die 120-km-Obergrenze auf erst 80, dann auf 60 km/h reduziert. Mal geht’s zweispurig, hin und wieder auch dreispurig (dann mit 80 km/h) weiter. Läuft’s mal wieder rund, gebe ich dem Troll die Sporen und lasse die Zügel locker. So hetze ich zur nächsten Entschleunigung. Doch trotz der vielen ,,Langsamfahrstrecken“ haben wir noch Glück. Auf der Gegenfahrbahn staut sich immer wieder der Verkehr über viele Kilometer. Lkw hinter Lkw. Dazwischen und auf der 2,10 Meter breiten Überholspur Pkw auf Pkw.

Nach genau sechs Stunden habe ich unser Ziel erreicht. Den Stellplatz in Schlepzig. Im Garten von Ilse und Uwe Krüger, Dorfstraße 65, Schotter/Wiese, an einem Fließ am Ortsrand. Ein gepflegtes Gelände hinter dem Wohnhaus, kurzgeschnittener Rasen mit Bootsvermietung und der Gelegenheit für Kahnfahrten. Mit einer freundlichen Besitzerin, einer gepflegten Toilettenlage (pro Besuch 50 Cent), mit Dusche und mit Strom. Wir buchen das volle Programm.