Nach dem Einchecken geht’s bei hellem Sonnenschein, blauem Himmel mit weißen Wölkchen hinein ins Getriebe erst am Kleinen, dann am Großen Fährhafen. Wir waren vor ein paar Jahren am Himmelfahrtstag hier. Da brummte der Bär. Heute, Anfang Juli und dazu in den Sommerferien ist kaum etwas los. Wenige Touristen, die auf der Straße ,,promenieren“. Ein Fremdenführer stellt mit launigen Worten einer zwanzigköpfigen Gruppe die Schnapsbrennerei am Ortsrand vor. Ein paar Kähne werden durchs Wasser gestakt. An einer Hand abzuzählen. Mehr als einmal nur mit zwei Personen besetzt. Hin und wieder erkundet eine Kanubesatzung die Wasserlandschaft. Auf dem großen Parkplatz neben der Brauerei warten Pkw und ein Bus auf die Rückkehr ihrer Urlauber. Wir gönnen uns im Garten der dazugehörigen Gaststätte Sahnequark mit Leinöl und Zwiebeln samt Petersilienkartoffeln, einem Salatblatt, einer Tomate und Zwiebeln für 9,50 Euro. Dazu ein Bier und ein Wasser. Danach geht’s gemächlichen Schrittes zurück zum Troll.

Im Gespräch mit der Grundstückseigentümerin erfahre ich, warum Schlepzig – angeblich das touristische Zentrum des Spreewaldes – an so einem Sommersonnendienstag so schwach besucht ist. ,,Das hat alles nachgelassen. Im vergangenen Jahr war’s bei dem verregneten Sommer noch schlimmer. Die Leute fahren in den Süden. Nach Spanien und Italien, wo Sonnengarantie gegeben ist. Der Umsatz wird am Himmelfahrtstag und zu Pfingsten gemacht. Wenn’s an diesen Tagen regnet, haben wir Pech gehabt.“ Und bei Licht besehen, kann es mich nicht verwundern. Der in der Werbung hochgelobte ,,Künstlerort“ hat neben den Kahnfahrten leider wenig zu bieten. Der historische Charme ist mit gesunden Füßen schnell abgehakt. Jede noch so kleine Parkfläche für Pkw muss mit harten Euros gemietet werden. Schlepzig ist allerdings ein Paradies für den, der einen ruhigen Urlaub sucht. Einen ohne Rummel und Trara, ohne Schlepper, die versuchen, auch den letzten Passanten zu einer Tour durch das Wasserlabyrinth des Spreewaldes zu überreden.

Schlepzig - Die Perle des Unterspreewalds

Zwölf Kilometer nördlich von Lübben gilt Schlepzig als das Zentrum des Unterspreewalds, lese ich in der Internetwerbung. Und weiter: Das Dorf wirkt wie ein Künstlerort und ist idealer Ausgangspunkt für Kahnfahrten durch den Spreewald. 2004 feierte der Ort sein 1000-jähriges Bestehen. Schlepzig liegt mitten in der sumpfigen Landschaft des Spreewalds. Das Örtchen, das zu den ältesten der Mark Brandenburg gehört, hat über Jahrhunderte ein abgeschiedenes Dasein geführt. Die Dorfkirche und einige Höfe gehen auf das 18. Jahrhundert zurück und verleihen Schlepzig historischen Charme. Das als Hofanlage konzipierte Bauernmuseum gewährt Einblicke in die Wohn- und Lebensweise der Spreewaldbewohner des 19. Jahrhunderts. Auf der 5000 m² großen Hofanlage befinden sich alte Bauernhäuser, Scheunen, ein Kräutergarten, Kleintiere und ein Backhaus mit Lehmofen, in dem noch immer nach alten Rezepturen gebacken wird.

Schlepzig wurde als Siedlung urkundlich am 8. August 1004 in einer Schenkungsurkunde Heinrich II. an das Kloster zu Nienburg erwähnt. Der Ortsname stammt aus dem Wendischen und bedeutet ,,Siedlung auf feuchtem, lehmigen Boden" - Zloupisti. Daher wurden die ersten Häuser auf Pfählen erbaut. Die Bevölkerung sprach bis in das ausgehende 18. Jahrhundert wendisch - eine niedersorbische Sprache. Während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) suchten und fanden die Menschen aus dem Umland während des Krieges Zuflucht auf einer beinahe unzugänglichen Insel nahe Schlepzig - dem ,,Wussegk".

Neben einer Brennerei hat Schlepzig für Bierliebhaber auch eine Brauerei: Bei zünftigem Essen kann man sich eine der vier selbstgebrauten Biersorten schmecken lassen. Von der großen Wiese am Ortseingang starten die Kähne zu ausgedehnten Entdeckungstouren über die Wasserwege des Unterspreewalds. Ein zentraler Platz ist die Schleuse mit der alten Mühle. In der historischen Getreidemühle von Schlepzig wird das traditionelle Handwerk der einstigen Müllerfamilien gepflegt. An den Wochenenden können Besucher frisch gebackenes Mühlenbrot erwerben.

Vom Schlepziger Hafen aus können Groß und Klein, Alt und Jung mit dem Kahn oder Paddelboot einen drei Kilometer langen Rundkurs durch den Ort befahren und das Spreewalddorf vom Wasser aus betrachten. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, der kann dem Naturlehrpfad „Buchenhain“ folgen und vom sieben Meter hohen Beobachtungsturm die Aussicht genießen.

Der nächste Morgen beschert uns einen grauen Himmel, Windstille und einen Wetterfrosch, der weit unten auf seiner Leiter hockt. In der Nacht hat es geregnet. Schlecht für unsere Klappstühle. Die hatte Ingrid gestern Abend auf meinen Rat am Troll abgestellt. Nun sind sie ,,frisch gewaschen“ und klitschnass. Es ist kühl geworden. Und es sieht für die nächsten Stunden nach neuem Regen aus. Mit dem Gang ins Dorfzentrum (rund einen Kilometer) lassen wir uns Zeit. Im Garten unserer Wirtsleute ist Bewegung. Eine größere Gruppe will wasserwandern. Sucht sich aus dem Kanubestand die nach ihrer Meinung besten aus. Erhält eine Einweisung von Ilse Krüger in den Gebrauch der Holzmotoren (Paddel) und die Karte, um sich im Labyrinth der Fließe zurecht und den Weg zurückzufinden. Das dauert. Nach einer guten halben Stunde sind die Frauen und Männer dann auf dem nassen Element. Es kehrt wieder Ruhe ein. Wir haben nichts mehr zu gucken.

Einige Zeit später machen wir uns auf den Weg. Richtung Dorfzentrum mit Kirche. Nach zweihundert Metern wird auf der Brücke über das Fließ, das am ,,Wohnmobilgrundstück“ vorbeifließt, halt gemacht. Wir überlegen, ob wir das Angebot unseres Stellplatzbetreibers wahrnehmen. Eine Bootsfahrt durch den Spreewald. Wir entscheiden: Jetzt die Bootsfahrt, am Nachmittag die Dorfbesichtigung. Also geht’s zurück. Zum Spreewaldkahn mit blitzblanken Eichentischen, hölzernen Bänken samt roten, flauschigen Decken, damit’s an der Hinterseite keine blaue Flecken vom Sitzen gibt. Echt gemütlich. Doch vom Angebot des Fährmanns, vom bereitgehaltenen Hochprozentigen in kleinen Fläschchen, will keiner der vier Passagiere (Ingrid und ich sind 50 Prozent davon) Gebrauch machen. Es dauert keine Viertelstunde, bis das erste Nass von oben kommt. Jetzt kommen unsere Schirme zum Einsatz. Es regnet mal mehr und mal weniger. Erst nach eindreiviertel Stunde ist’s mit den Tränen des Himmels vorbei.

Vorbei ist allerdings auch unsere Tour auf den Wasserstraßen, breiten Wasserwegen und engen Wasserpfaden rund um Schlepzig. Hin und wieder steuert unser Mann mit dem Rudel unter Erlen hindurch, deren Äste dicht über unsere Köpfen weit hinein in den Wasserlauf ragen. Unser Kahnfährmann zeigt sich als hervorragender Kenner von Fauna und Flora. Bringt seinen vier Fahrgästen näher, was links und rechts am und im Wasser wächst und blüht. Wo Biber und Schwarzwild, Reh und Nutria ihren Einstand haben. Zu sehen bekommen wir die Tiere des Waldes allerdings nicht. Sie sind fast ausnahmslos nachtaktiv. Am Abend des nächsten Tages gibt’s deshalb eine Mondscheinfahrt, um den Biber aufzuspüren. Der Zeiger der Uhr hat die eins fast erreicht, als wir wieder zum Troll zurückkommen.

Mittagessen ist angesagt. Dem folgt die Siesta. Danach der Gang ins Dorfzentrum. Und, ich hatte es geahnt, die Wolken werden lichter, die Sonne kommt heraus. Es ist trocken. Was schreibe ich: Es ist herrliches Sommerwetter. Hätte das nicht schon bei unserer Kahnfahrt so sein können? Wir machen uns auf die Hufe. Tausend Meter bis zum Ortszentrum sollen es sein. Und der Fremdenführer hat recht. Es ist knapp einen Kilometer bis zur Kirche von 1782. Der Fachwerkbau mit dem bretterverkleidetem Glockenturm wurde zwischen 1979 und 1984 grundrestauriert. Samt seinem gemalten Wolkenhimmel an der Decke im Innern. Eine typisch evangelische Kirche, schlicht gehalten und überaus ansprechend. Ohne den immensen Aufwand an Gold und Silber, wie er häufig in katholischen Gotteshäusern zu finden ist.

Weil sich der ,,Ortskern“ um die Kirche in überschaubaren Grenzen hält, drehen wir um. Langsam, ganz langsam geht’s zurück zum Kleinen Fährhafen, vorbei an der Schnapsbrennerei und dem winzigen Fleischerladen mit dem Schaufenster im Kleinformat. Danach gibt’s eine erneute Kehrtwende. Es geht zurück zum Troll und damit für den Rest des Tages in die Klappstühle unseres rollenden Ferienhauses.

Auf meinem Plan steht als nächstes Ziel Lübben. Den Stellplatz vor dem Spreewald-Camp will ich anlaufen. Nach eingehender Debatte mit meiner Copilotin tritt der Rotstift in Aktion. Lübben lohnt nicht. Da waren wir vor Jahren schon einmal. Am Himmelfahrtstag. Damals war der Bär los. Halb Berlin im Spreewald. Jede Menge Leute, jede Menge besoffene Männer und angeheiterte Frauen, jede Menge Glas von zerbrochenen Flaschen auf den Wegen an den Wasserläufen. Doch morgen ist nicht Himmelfahrtstag. Da ist in Lübben genauso viel los wie in Schlepzig. Streiche ich also Lübben vom Plan und fahre gleich nach Lübbenau, der heimlichen Hauptstadt im Venedig des Nordens. Das sagt zumindest die Werbung.

Auf Landstraßen, die Alleecharakter haben, passiere ich bald nach dem Start Lübben: Haben Sie sich schon einmal gewundert, wieso in manchen Texten nicht nur Lübben sondern auch Lubin steht? Lübben liegt nicht nur mitten im Spreewald sondern auch mitten im Siedlungsgebiet alter slawischer Stämme. Der Burglehn als Wiege der Stadt war einst eine bedeutende slawische Wallburg. Und so gibt’s in Lübben zweisprachige Beschilderungen oder wendische Familien- und Ortsnamen. Lübben war seit dem 15. Jahrhundert die Hauptstadt des Markgraftums Niederlausitz. Dort hatte der Landvogt seinen Sitz und auch die meisten Landtage der Niederlausitzer Stände wurden in Lübben abgehalten. 1815 wurde die Niederlausitz preußisch, das Markgraftum wurde der Provinz Brandenburg angeschlossen und Lübben verlor seine Funktion als Hauptstadt der jahrhundertelang autonom gewesenen Region. Es wurde Kreisstadt des Landkreises Lübben in der preußischen Provinz Brandenburg. Hauptsehenswürdigkeiten sind einige historische Bauwerke, die originalgetreu restauriert wurden, darunter das Schloss, das Ständische Landhaus und das Schloss Neuhaus.

Mit der Dorfkirche Steinkirchen steht auch einer der ältesten Sakralbauten der Niederlausitz auf dem Gebiet der Stadt Lübben.