Lübbenau kommt schnell näher. Es sind ja nur rund 30 Kilometer. Bloß nichts übereilen. Erst dann ankommen, wenn die ersten Mobile Plätze freigemacht haben. Dann hat auch unser Troll eine Chance, Pause zu machen. Der kleine Zeiger der Uhr hat die zwölf noch nicht erreicht, als wir in die Dammstraße einlaufen. Und die Dame im Navi behauptet das Ziel erreicht zu haben, als wir von der Hausnummer 62 weder etwas sehen noch einen Hinweis auf einen Stellplatz erkennen können. Langsam nähern wir uns dem Hafen. Links und rechts der Straße Frauen, Männer und Kinder, die in die gleiche Richtung wollen. Anders als in Schlepzig ist hier Rummel, ist Gedränge, hier sind Menschenmassen. Hier müssen wir richtig sein. Hier ist aber kein Stellplatz. Da hilft nur fragen. Ich drehe den Zündschlüssel und hechte ins Freie. Flitze auf den ersten Lübbenauer Fährmann zu, der mir über den Weg läuft. Leicht erkennbar an seiner schwarzen Hose, der blauen Jacke und seiner weißen Mütze. Und er bestätigt mir, was ich schon ahnte. Ich bin falsch. Bin zu weit gefahren. Muss wenden und dreihundert Meter zurück. Also wende ich und fahre zurück. Und sehe tatsächlich – zum ersten Male – am Straßenrand ein kleines Hinweisschild mit einem Wohnmobil. Wir waren vor ein paar Jahren schon einmal hier – und auch damals hatte ich den Stellplatz nicht gefunden. War auf einen zweiten am Bahnhof ausgewichen.

Eine schmale Anliegerstraße führt mich zum Caravan- und Wohnmobilpark mit komfortablen Stellplätzen. Ruhig, naturnah und (beinahe) zentral am Hafen und zur Altstadt. Und für uns ist auch ein Platz dabei. Mit Fernsehmöglichkeit trotz hoher Bäume am Rand der Grünfläche. Mit allen Extras, von denen ein Womofahrer oft nur träumen kann. Einparken, Strom anschließen sind bald erledigt. Dann geht’s los. Lübbenau, wir kommen.

Lübbenau

,,Die heimliche Hauptstadt des Spreewalds.“ Diesen Ruf genießt Lübbenau spätestens seit Theodor Fontane. Vielleicht ist die Stadt, die ihre Wurzeln im 9. Jahrhundert hat, tatsächlich die schönste des Spreewalds. Den ältesten Teil der Altstadt bildet der Schlossbezirk mit dem Schloss Lübbenau und dem im englischen Landschaftsstil angelegten Schlosspark. Informationen zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklung, die gibt es reichlich in der regionalgeschichtlichen Ausstellung im Spreewaldmuseum in der ehemaligen Kanzlei des Schlosses. Nur wenige Schritte vom Schlossbezirk entfernt gelangt man zum Lübbenauer Marktplatz mit seinen zweigeschossigen Bürgerhäusern und der Nikolaikirche aus dem 18. Jahrhundert. So liest es sich in der Eigenwerbung.

Lübbenau erscheint erstmals 1301 als Burg (castrum) Lubenowe, 1315 bezeichnet Lubenaw die Burg mit dem Flecken (castrum cum opido). Menschen siedelten dort jedoch schon viel früher, was Funde aus dem 8./9. Jahrhundert unterhalb des Schlosses zeigen. Bis zum Tod des Pfarrers Christian Friedrich Stempel im Jahr 1867 wurde in Lübbenau für die sorbischsprachigen Einwohner der Stadt sowie der eingepfarrten Orte Leipe, Lehde und Boblitz Gottesdienst auch in niedersorbischer (wendischer) Sprache gehalten. Paul Gerhardt (1607 – 1676), der nach Martin Luther als der bedeutendste deutsche Verfasser von Kirchenliedern gilt, verbrachte in Lübben seine letzten sieben Lebensjahre. Er ist in der nach ihm benannten Paul-Gerhardt-Kirche an unbekannter Stelle beigesetzt. Zu seinen zahlreich überlieferten Liedern zählt das bekannte „Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘“.

In Innenstadtnähe, in der Lübbenauer Dammstraße, befindet sich der größte Hafen des Spreewaldes mit einer mehr als 150-jährigen Tradition. Bereits im Jahre 1859 startete ab diesem Platz Theodor Fontane zu einer Spreewaldkahnfahrt und schrieb seine Begeisterung darüber in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ nieder. Von hier aus geht es kreuz und quer durch den Spreewald. Der Lübbenauer Fährmannsverein stakt alljährlich mehr als eine halbe Million Besucher durch das Venedig des Nordens. 1550 Kilometer sind die verzweigten Fließgewässer lang. Auf rund 275 Kilometern sind Touristenkähne unterwegs. Die Kähne starten flexibel nach Auslastung ohne feste Abfahrtszeiten. Ein Spreewaldkahn ist eine Art Flachboot ohne Kiel, meist aus Kiefernholz oder auch neuzeitlich aus Aluminium, mit einer Länge von bis zu 9 Metern und einer Breite von nicht einmal zwei Metern. Die Tätigkeit der Fährleute nennt man staken: Mit der über vier Meter langen Stange aus Eschenholz, dem Rudel, stoßen sie sich direkt vom Boden der Fließe ab. Und unseren Zwergdackel nehmen die Fährleute auch mit. Und dafür verlangen sie nicht einmal Geld. Sollten sich allerdings andere Gäste über die Mitnahme beschweren, so steigen wir einfach in einen der nächsten Kähne. 34 Kahnanbieter gibt’s im Spreewald, 16 Bootsverleihfirmen aber nur ein Taxiunternehmen. Eine Besonderheit des Spreewaldhafens ist die sogenannte „Gurkenmeile“. Auf der präsentieren die Gurkeneinleger der Stadt ihr Sortiment. Und auf dem Gurken-Radweg lässt sich auf 250 Kilometer Länge die wasserreiche Landschaft erkunden.

Der Wetterbericht gestern Abend hatte recht. Von oben brennt die Sonne vom blauem Himmel mit ein paar weißen Wölkchen. Mir läuft nach wenigen hundert Metern der Schweiß den Buckel herunter. Die Luft wird knapp. Immer wieder lege ich im Schatten von Bäumen und Häusern Pausen ein. Es sind geschätzte eineinhalb Kilometer, bis wir endlich (fast) am Hafen sind. Ganz schaffen wir es bei diesem ersten Anlauf nicht, weil uns ein dienstbeflissener ,,Fährmann“ an der Straße auf die einmalige Chance aufmerksam macht, mit dem Kahn seines Brötchengebers den Spreewald zu erkunden. Und er versichert glaubhaft, dass ,,der Klassiker“ mit drei!! Sternen auch das romantische Dorf Lehde anläuft. Und genau da wollen wir hin. Wir entern also mit zahlreichen anderen ,,Seefahrern“ das blecherne Wasserfahrzeug. Durchfahren nach dem Verlassen des Großen Hafens das besiedelte Umland mit zahlreichen Wochenend- und Ferienhäusern, sehen Wiesen, Äcker und durchqueren Wälder. Uferbäume – meistens Erlen – haben sich mit großem Wurzelwerk fest im sumpfigen Untergrund verankert. Der Mann am Rudel legt in Lehde eine dreiviertelstündige Rast ein.

Und jetzt ist entscheiden angesagt. Entweder ein Rundgang durchs Dorf, ein Museumsbesuch oder Mittagspause im Restaurant. Eins geht nur. Ich überlege nicht lange. Mich überzeugt das Restaurant. Es ist Mittag, neben der Bildung muss auch der Magen zu seinem Recht kommen. Und: Essen hält Leib und Seele zusammen. Bauernsülze mit Bratkartoffeln und Remouladensoße stehen nach etlichen Minuten auf unserem Tisch. Uns bleibt danach noch eine gute Viertelstunde, um das durchaus leckere Mahl zu genießen. Brauchen wir länger, macht sich der Fährmann ohne uns auf den Rückweg nach Lübbenau. Seien wir ehrlich: Fünfzehn Minuten sind nicht genug, um sich hausgemachte Sülze mit Bratkartoffeln einzuverleiben und dazu noch ein Bier zu trinken. Diese Erfahrung machten wir auch vor Jahren bei unserem ersten Besuch. Und die haben wir nun aufgefrischt und schwören uns, dies nicht noch einmal zu wiederholen.

Eigentlich soll laut Flyer eine solche Tour inklusive Pause drei Stunden dauern. Dass es allerdings nur zweieinhalb sind, liegt wohl nicht am Fährmann, sondern bestimmt nur an den vielen neuen Kunden, die schon am Anlegesteg warten. Die muss er (wie uns) ganz fix bedienen und auf eine neue (gewinnbringende) Reise über die Fließe schippern. Die entgangene halbe Stunde auf dem Wasser machen wir anschließend mit einem vorzüglichen Eiskaffee in Sichtweite des Großen Hafens wett. Danach klingt der Tag gemütlich und ohne Zusatzkosten am und im Troll aus. Einzige Enttäuschung nach den Nachrichten: Eine Regenfront ist für morgen und übermorgen angesagt. Mit Gewittern und heftigen, unwetterartigen Niederschlägen.