Die Stadt der Gurken

Ob Gurkenradweg, Gurkenkönigin, Gurkenmuseum oder Gurkenmarkt - in Lübbenau dreht sich alles um die Gurke, denn die Spreewaldstadt ist laut Eigenwerbung Geburtsstadt der sauren Gurken und der Spreewaldgurken überhaupt. Im 16. Jahrhundert siedelte Jacob von der Schulenburg, Standesherr von Lübbenau, holländische Tuchmacher im Stadtteil Reklin an. Sie stellten feines holländisches Tuch her, doch kaum jemand kaufte es, weil alle selber Leinen webten. So wären die Holländer fast verhungert und begannen mit der Konservierung von Lebensmitteln. Sie legten Gurken in Salz und Wasser ein. Das war die Geburtsstunde der Lübbenauer Salzgurke. Erst durch das Salz, das Wasser und den Gärprozess entsteht der typisch sauer-salzige Geschmack. Früher dauerte das mehrere Wochen, heute gehen die Früchte des Spreewaldes bereits nach einem Tag in den Handel.

Mit der Befestigung der Straße von Berlin nach Cottbus 1844 und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes Berlin-Görlitz 1866 kam das Gurkengeschäft richtig in Schwung. In großen Mengen wurden sie - auch anderes Gemüse und Kräuter - im Spreewald, vor allem in und um Lübbenau angebaut. Viele private Gurkeneinlegereien entstanden, und nahezu auf allen Höfen in der Lübbenauer Altstadt wurden in der Gurkenzeit auch Gurken eingelegt. Über 20 große Gurkeneinlegereien gab es, von denen heute noch fünf existieren. Zehn Landwirtschaftsbetriebe bauen zurzeit die Gurken im Spreewaldgebiet an. Jährlich werden so insgesamt rund 34.000 Tonnen Einleger- und Schälgurken geerntet.

Die Geschichte der Spreewälder Gurken

Hier gehen die Deutungen auseinander. Die einen behaupten, flämische Tuchmacher brachten die Gurkensamen aus ihrer Heimat mit in den Spreewald (siehe oben). Die anderen haben herausgefunden, dass es Gurken in der Lausitz und im Spreewald nachweislich seit dem 8. Jh. (in slawischen Wallburgen wurden Gurkensamen gefunden) gibt. Sie waren vermutlich von Sorben/Wenden als Saatgut aus ihrer Herkunftsregion - den Karpaten - mitgebracht worden.

Die Firma Ernst Krügermann aus Lübbenau schreibt auf ihrer Internetseite: ,,Im Jahre 1505 wurden die Grafen von Schulenburg, ein altes märkisches Geschlecht, Besitzer der Standesherrschaft in Lübbenau. Auf einer Reise durch die Niederlande lernten sie die Weberei kennen. In der Hoffnung mit diesem Handwerk gute Geschäfte im Spreewald zu erzielen, bürgerten die Grafen von Schulenburg niederländische Tuchfabrikanten ein, um dieses Handwerk in Lübbenau ansässig zu machen. Doch die Tuchfabrikation kam nicht  in Schwung. Dadurch hatten die Niederländer kein Einkommen und lebten in großer Armut. Frei nach dem Sprichwort ,,Not macht erfinderisch" versuchte man diese Missstände zu tilgen.

Während im Spreewald der Gurkenanbau noch unbekannt war, pflegte man ihn in den Niederlanden schon länger. Im Reisegepäck der Tuchfabrikanten waren also auch Gurkensamen, ursprünglich zum Anbau für den eigenen häuslichen Verbrauch. Um zu überleben bauten sie deshalb gewerbsmäßig Gurken an. Im Spreewald fand diese Frucht beste Anbaubedingungen. So begann der traditionelle Gurkenanbau in der Region. Die Spree bot außerdem gute Absatzmöglichkeiten nach Berlin.

Die Spreewaldgurken werden handverlesen und mit frischen Zutaten verfeinert. Das rote Qualitätssiegel „Original Spreewälder Gurken“ vom Spreewaldverein garantiert, dass die verarbeiteten Gurkenerzeugnisse zu mehr als 70 Prozent aus im Spreewald angebauten Gurken bestehen. Zudem erfolgt die Verarbeitung der Spreewälder Gurken ausschließlich in Betrieben, die im Spreewald ansässig sind und wiederkehrenden Kontrollen unterzogen werden.

Lehde - Das Kleinod von Lübbenau. Eine Insel im Spreewald

,,Man kann nichts Lieblicheres sehen als dieses Lehde, das aus so vielen Inseln besteht, wie es Häuser hat. Es ist die Lagunenstadt im Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag, als die ersten Fischerfamilien auf seinen Sumpfeilanden Schutz suchten", schrieb Theodor Fontane. Über Jahrhunderte war Lehde ausschließlich auf dem Wasserweg zu erreichen. Noch heute verfügen praktisch alle Grundstücke über einen eigenen Zugang zu einem der vielen zwischen 0,8 und 1 Meter tiefen Fließe, die weitgehend die Funktion von Straßen haben. Postanlieferung und Müllabfuhr finden auch heute noch auf dem Wasserweg statt. In den Wintermonaten erfolgt die Postzustellung jedoch an Briefkästen, die die Anwohner an der Landseite aufgestellt haben, per Postfahrrad oder Auto.

 Durch die ungewöhnliche Lage Lehdes und einige erhaltene historische Spreewaldhäuser ist das komplett unter Denkmalschutz gestellte Lehde ein beliebtes Ausflugsziel. Vom Lübbenauer Großen Hafen werden die Besucher in traditionellen Spreewaldkähnen in ungefähr ein bis eineinhalb Stunden nach Lehde gestakt. Lehde ist jedoch auch zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Auto erreichbar. Südlich an Lehde vorbei führt der Gurkenradweg.

Zunächst wichtigster Erwerbszweig und vermutlich Anlass der Ansiedlung war der Fischfang in den fischreichen, das Ortsgebiet durchziehenden Armen der Spree. Noch heute verfügen viele Grundstücke über ein im Grundbuch eingetragenes Fischereirecht, wobei Fischfang heute nur noch nebenberuflich betrieben wird. Zurückgehende Fänge führten später zum Gemüseanbau, für den der Spreewald auch überregional bekannt wurde. Vor allem Gurken, aber auch Zwiebeln, Meerrettich, Kürbisse, Rüben und Kartoffeln wurden auf den kleinen künstlich erhöhten Horstäckern angebaut. Sowohl der Gemüseanbau als auch die betriebene Viehhaltung waren sehr aufwändig. Anbau und Weideflächen waren häufig nur per Boot zu erreichen.

Viele Häuser in dem fast 700 Jahre alten Dorf sind spreewaldtypisch hergerichtet. Sie sind fast vollständig aus Holz gefertigt, haben mit Schilf gedeckte Dächer und verfügen meist über die sorbisch/wendischen Schlangensymbole am Giebel. Mehrere Blockbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind erhalten. Das älteste Freilandmuseum Brandenburgs befindet sich ebenfalls in Lehde und bietet einen Einblick in das Leben der sorbischen und deutschen Spreewaldbewohner vor über 100 Jahren. Aus verschiedenen Regionen des Spreewaldes wurden Hofanlagen zusammengetragen und hier wieder aufgebaut. Der Besuch führt zurück in eine Zeit ohne elektrischen Strom, ohne Fernseher und Playstation. Das Wasser musste mit Eimern aus dem Fließ geschöpft und die Wäsche in der Wanne mit Bürste und Kernseife geschrubbt werden. Die gesamte Familie – Großeltern, Vater und Mutter und Kinder teilten sich um 1840 einen einzigen Raum um zu essen, zu schlafen und auch zu spielen.

Unwetterartiger Regen fällt nicht, als ich mich am nächsten Morgen den Armen Orpheus entreiße. Aber es regnet. Keine zehn Minuten lang. Dann ist’s wieder vorbei. Drückende Schwüle im und vorm Troll. Grauer Himmel soweit das Auge reicht. Campingtisch und -Stühle habe ich gestern Abend draußen stehen lassen. Sie triefen nicht vor Nässe, sie sind nur feucht geworden. Da es mit dem Regen vorbei zu sein scheint, baue ich sie auf. Nach einer halben Stunde wieder ab. Es fallen die nächsten Tropfen. Ich habe die Sitzgruppe kaum abgebaut und in der Garage verstaut, hört’s wieder zu regnen auf. Was tun? Ich tue erst einmal gar nichts. Nun bleibt’s trocken. Selbst die Sonne kommt heraus und heizt wieder ein. Stelle ich die Sitzgelegenheiten allerdings wieder vorm Troll auf, fängt’s bestimmt wieder an zu tröpfeln. Also lasse ich es sein und ziehe mich ins ,,Wohnzimmer“ zurück. Zwischendurch wird die Kassette entleert. Das Mittagessen aufgewärmt. Das Vorhaben, einen Spaziergang zum Hafen und zum Ortszentrum zu machen ad acta gelegt. Bei der hochsommerlichen Temperatur und der Luftfeuchtigkeit halte ich das nicht durch. Abhängen ist statt dessen angesagt. Weil Abhängen aber einen negativen Beigeschmack hat, nenne ich es mal Premiumtag. Klingt viel schöner und ist dasselbe.

Jede Menge Zeit, den Bordatlas zu wälzen. Blättern im Internet geht leider nicht. Habe keinen Chip gekauft, der das möglich macht. Eigentlich wollte ich bis Sonntag bleiben, weil dann die Autobahn (fast) Lkw-frei ist. Nach langem Überlegen habe ich den Start auf morgen vorverlegt. Will probieren, ob ich auch am Sonnabend einen von den zwölf Plätzen in Cottbus abbekomme. Mit ein bisschen Glück könnte das klappen, auch wenn dies das erste Sommerferienwoche für die Berliner ist. Der geplante Stopp in Burg ist zugunsten von Cottbus gestrichen. Der Landgasthof ,,Zur Wildbahn“ am Ortsrand mit drei Plätzen zu 20 Euro muss nun auf unseren Besuch verzichten. Gar zu gern hätte ich ihm das Geschäft mit unserem Aufenthalt angekurbelt. Doch hier darf ich unseren Zwergdackel Calle nur mitbringen, wenn ich bei Frau Dossow ,,bitte, bitte“ mache. Und wo unser Hund nicht willkommen ist, bleibe auch ich fern.

Es tröpfelt in den nächsten Stunden nicht mehr. Als echter Sommerabend verabschiedet sich dieser Tag. Um ganz sicher zu gehen, von den zwölf Plätzen in Cottbus einen abzukriegen, rufe ich dort an. Lasse mir einen reservieren. Schließlich ist morgen Sonnabend und damit Hochsaison für Womofahrer. Weil’s im Troll auch zu später Stunde noch ziemlich warm ist, schließe ich die Dachfenster nur soweit, dass ein nächtlicher und unbemerkter Regenschauer den Fußboden unseres Ferienhauses nicht in einen kleinen See verwandelt. Mein Seitenfenster am Bett bleibt auf unterster Stufe auf kipp. Es dauert nicht lange, bis ich einschlafe. Donner lässt mich wieder hellwach werden. Draußen blitzt es. So schnell ich kann, schließe ich die Dach- und mein Seitenfenster. Und dann kommt es von oben. Eimerweise. Hört sich an, als wenn ein Schnellfeuergewehr den Troll ins Visier genommen hat. Eine Viertelstunde, vielleicht zwanzig Minuten. Dann ist alles vorbei. Der Spuk geht so schnell wie er gekommen ist. Am Morgen zeigt sich der Himmel Grau in Grau. Ein leichter Wind weht und die Luft ist angenehm warm. Nicht zu kalt, aber auch nicht heiß.

Nach dem Frühstück und dem Gang, den auch ein Kaiser zu Fuß machen muss, geht’s ans Abrechnen. An der Kurtaxe von zwei Euro (zwei mal zwei Personen macht vier, mal zwei Tage macht acht Euro) schramme ich vorbei. Mein Behindertenausweis bewahrt mich vorm Löhnen. Nur dass die Strombereitstellungsgebühr von einem Euro an beiden Tagen aufgeschlagen wird, ärgert mich doch erheblich. So kann man auch Kasse machen. Als ,,Trostpflaster“ aber hat mir der Betreiber dafür vielleicht die 1,50 Euro/Tag für unseren Zwergdackel erlassen. Macht am Ende mit Strom (auf die sieben kWh für 3,50 gibt’s noch einen Aufschlag von einem Euro) 41,50 Euro für zwei Übernachtungen. Das ist zwar noch immer günstiger als im Hotel zu übernachten, aber rund zwanzig Euro für eine Nacht auf einem Stellplatz ist auf jeden Fall ziemlich happig. Das kenne ich eigentlich nur von Touren an Nord- und Ostsee.

In aller Ruhe machen wir uns danach auf die Reise. Tanken bei nächster Gelegenheit, lassen Burg links liegen und haben die 36 Kilometer Landstraße und ein Stückchen Autobahn schnell hinter uns gebracht. Damit entgeht uns auch die im Internet angepriesene Fahrt im ,,Kahn der Sinne“. Kähne waren früher das Haupttransportmittel im Spreewald. Heute dienen die traditionellen Wasserfahrzeuge vor allem der Touristen,,beförderung“. Seit 1913, schon mehr als 100 Jahre lang, erkunden die Gäste vom Spreehafen in Burg aus den Spreewald. Das Highlight: Eine Stunde Kahnfahrt im ,,Kahn der Sinne“ von der hauseigenen Anlegestelle der Pension ,,Zum Schlangenkönig“. Im traditionellen Spreewaldkahn, nur zu zweit. Auf gemütlichen Liegekissen mit ungewöhnlicher Perspektive in die Natur. Wolken, Baumkronen und Libellen über sich, ruhig plätscherndes Wasser, Vogelgesang und Entengeschnatter: die Natur gibt ein ,,Livekonzert“. Wer mag, kann sich vom Liegekissen erheben und beinahe auf Augenhöhe mit der Wasserkante über den Fließ dahinschweben, steht in der Werbung. Doch ganz ,,zu zweit“ wäre ich mit meiner Angetrauten ja nicht, denn hinter uns steht der Fährmann und hat ein waches Auge darauf, dass es zwischen uns beiden nicht allzu intim wird. Preis pro Stunde für zwei Personen im ,,Kahn der Sinne“: 65 Euro inklusive Wellnessgetränk. Das ist für ein Rentnerportemonnaie einfach zu viel. Und ,,von Sinnen“ bin ich noch nicht.