In Cottbus angekommen ist Aufmerksamkeit gefordert. Auf der Abbiege zum Spreeauenpark und damit zum Stellplatz stehen Bagger. Stehen Absperrgitter. Ist die Asphaltpiste aufgerissen und eine unübersehbare Baustelle. Also geradeaus weiter. Zum Glück fordert mich die Tante im Navi nicht zum Umkehren auf. Sie hat Nachsicht mit mir und findet eigentlich recht zügig einen neuen Weg, um zum Ziel zu gelangen. Kurz vor Mittag ist’s erreicht. Ist das Ticket gelöst, das mir den freien Zugang zu den zwölf Stellflächen gewährt. Dort stehen zwei Mobile. Das Reservieren hätte ich also gar nicht gebraucht. Wohnmobilpark Spreeauenpark, Kiekebuscher Straße, 12 Plätze außerorts, 12 Euro Stellplatzgebühren alles inklusive Strom, Wasser V/E und Parkeintritt. Gelände ist eingezäunt und abgeschlossen. Schlüssel gibt’s vor dem Tierpark in einem Häuschen des Pkw-Parkplatzes (9 - 18 Uhr).

Entgegen unserer Tradition gibt’s aber heute keinen Tee; bevor wir uns wieder auf die Socken machen. Wir wollen in die Stadt. In die Altstadt, um genau zu sein. Mit Fahrrad geht nicht. Wir haben nur eins für den Notfall mit. Außerdem habe ich Schwierigkeiten mit dem Luftkriegen und meine Ingrid hat’s in den Knien. Für die dreieinhalb Kilometer geht also nur Taxi oder Bus. Taxi kostet viel, doch Bus ist günstig. Unsere Stellplatznachbarn haben sogar den Fahrplan im Kopf. Um sieben Minuten nach voller Stunde oder sieben Minuten nach halber Stunde. Wir entscheiden uns für sieben Minuten nach voller Stunde. Schlagen uns eine halbe Stunde Warten im Troll um die Ohren und marschieren dann los. Es wird sieben Minuten nach voll. Kein Bus zu sehen. Studieren des Sonnabendfahrplans bringt uns dann die Überraschung. Der Bus fährt nur stündlich 36 Minuten nach voll. Als er dann endlich kommt, gibt’s den nächsten Tritt in die Magengrube. Beim Einsteigen verlangt der Fahrer unserem Calle, dem winzigen Zwergdackel, einen Maulkorb anzulegen. Mein Hinweis, dass es in ganz Niedersachsen keine einzige Vorschrift gibt, die so etwas von einem kleinen Hund fordert, zieht nicht. ,,In ganz Brandenburg müssen alle Hunde in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Maulkorb tragen!“ ,,Müssen wir nun wieder aussteigen?“ Großzügig lässt er uns nun mitfahren. Betont aber, dass dies eine einmalige Ausnahme sei und nicht für die Rückfahrt gelte. Nun dauert es nur sieben Minuten, bis wir an der Haltestelle ,,Stadtpromenade“ unser Ziel, den Rand der Altstadt erreichen.

Wir ,,landen“ im Zentrum von Cottbus. Sind in der Fußgängerzone. Bummeln entlang der zahlreichen Geschäfte. Umrunden gemächlichen Schrittes den Marktplatz. Betrachten Neu- und Altbauten. Gönnen uns einen Imbiss samt Eiskaffee und legen den Rückwärtsgang ein. Ehrlich: Von der ,,guten Stube“ in Cottbus sind wir beide ein bisschen enttäuscht. Vergleichen das Gesehene mit der Fußgängerzone in Bremen. Mit Marktplatz und Roland. Mit Böttcherstraße und Dom. Ich weiß, das ist unfair. Aber so sehe ich es, und so sieht das meine Ingrid auch. Ein Trostpflaster für mich: Ich habe den Cottbuser Postkutscher mit der Kamera ,,einfangen“ können. Genauso wie den Dr. Eisenbarth in Hann. Münden. Und er hat es noch nicht einmal bemerkt.

Cottbus

Die Cottbuser Siedlungsgeschichte im heutigen Altstadtgebiet kann fast 2000 Jahre zurückverfolgt werden. Im 3. und 4. Jahrhundert siedelten sich im Altstadtbereich germanische Siedler an. Seit dem 6. Jahrhundert wanderten aus dem Südosten slawische Stämme in das Gebiet zwischen Elbe/Saale und Oder ein. Im 8. Jahrhundert folgten die Lusitzi, ein westslawischer Stamm. Sie erbauten auf einer Talsandinsel am Westufer der Spree einen mittelslawischen Burgwall. Im Schutze der slawischen Burg legten die Wenden eine Vorburgsiedlung an, die sich im 11. und 12. Jahrhundert zu einer frühstädtischen Siedlung entwickelte. Am 30. November 1156 fand der Name „Cottbus“ seine erste urkundliche Erwähnung. Die Stadtrechte scheint Cottbus zwischen 1216 und 1225 erhalten zu haben. Im 14. Jahrhundert wurde die Cottbuser Stadtmauer angelegt.

Fürstliche Parkanlagen, mittelalterliche Stadtmauern und das schönste Jugendstiltheater Europas prägen das Stadtbild. Cottbus ist nach Potsdam die zweitgrößte Stadt Brandenburgs und liegt am südöstlichen Rand des Spreewalds.

In Cottbus empfiehlt sich ein ausgiebiger Stadtrundgang durch die historische Altstadt mit ihren mittelalterlichen Toren, Türmen und den barocken Bürgerhäusern.  Mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Spremberger Tor aus dem 13. Jahrhundert, die frühgotische Klosterkirche der Franziskaner, dem 1908 im Jugendstil erbautem Theater und dem Altstadtmarkt mit Handwerkerhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Über 850 Jahre alt ist der größte Kirchenbau der Niederlausitz – die Oberkirche St. Nikolai. Der slawische Ursprung der ersten Siedlung ist am Schlossberg zwar nicht mehr sichtbar, aber die in der Stadt allgegenwärtigen zweisprachigen Straßenschilder weisen noch heute auf die Minderheit der Sorben und Wenden hin, die hier zuhause ist und ihr Brauchtum pflegt. Dabei sollten Besucher Ausschau nach dem berühmten Cottbuser Postkutscher halten. Er bläst das Posthorn in Vollendung, sieht in seiner Uniform sehr gut aus, hat schon zu Lebzeiten sein eigenes Denkmal und kann diesen Spruch fehlerfrei aufsagen: „Der Cottbuser Postkutscher putzt den Cottbuser Postkutschkasten." Wer die Altstadt nicht allein erkunden möchte, der kann sich fast jeden Sonntag um 10 Uhr einem geführten Stadtrundgang inklusive Architekturführung durch das Staatstheater Cottbus anschließen.

Die Rückfahrt zum Stellplatz (wieder mit dem Bus) gestaltet sich gegenüber der Hinfahrt problemlos. Der Fahrer würdigt Calle keines Blickes, will keinen Maulkorb auf der winzigen Schnauze sehen und macht mit uns eine liniengetreue Rundfahrt, die uns erst bei der Station 22 wieder dort landen lässt, wo wir gegen Mittag eingestiegen sind. Am kleinen Bahnhof am Spreeauenpark. Genau gegenüber dem Eingang zum Tierpark. So heißt auch die Haltestelle der Linie 10. Im Sitzen und für 1,70 Euro pro Person lernen wir in einer knappen halben Stunde einen Großteil von Cottbus und Branitz kennen, den wir sonst nie aufgesucht hätten. So wie der Tag begonnen hat, endet er. Ohne einen Tropfen von oben. Mit strahlendem Sonnschein. Mit Temperaturen im Troll, die bis weit in die Abendstunden um die 30-Grad-Marke pendeln. Morgen, Sonntag, soll’s keine Neuauflage des Stadtbummels geben. Morgen, das haben wir uns vorgenommen, geht’s in den Spreeauenpark. Und Fürst Pückler wartet in seiner Pyramide ja auch noch auf unseren Besuch.

Pücklers Erbe lebt

Er war Gartenkünstler, Schriftsteller und Unternehmer. Herrmann Fürst von Pückler-Muskau war ein Star des 19. Jahrhunderts. Der Schlosspark Branitz ist eines seiner Meisterwerke und zählt zu den bedeutendsten Landschaftsgärten des 19. Jahrhunderts. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, überraschen den Besucher im Park immer neue Landschaftsbilder. Herrmann Fürst von Pückler-Muskau (1785-1871) legte diesen 100 Hektar großen Park bestehend aus Innenpark, Pleasureground mit Schloss und dem Park am Stadtrand von Cottbus zwischen 1846 und 1871 an. Er konnte ihn aber nicht fertig stellen. Das übernahmen die Erben August und Heinrich Graf von Pückler. Kennzeichnend für diesen unter Denkmalschutz stehenden Park sind die beiden Erdpyramiden (Seepyramide und Landpyramide) sowie zahlreiche Gräben, Teiche, Wiesen und Hügel. Im sogenannten Pyramidensee steht die ab 1856 errichtete Seepyramide, auch Tumulus genannt. Sie ist ca. 13 Meter hoch und hat eine Seitenlänge von ca. 35 Metern. Hier ließ sich Fürst von Pückler-Muskau 1871 beisetzen. 1884 wurde seine Ehefrau Lucie Fürstin von Pückler-Muskau (gestorben 1854) zu ihm umgebettet. Die Seepyramide wurde von Juni 2014 bis Mitte 2015 umfassend restauriert. Die Erosion hatte mittlerweile stark an der Substanz der Pyramide genagt. Der feierliche Abschluss der Arbeiten fand am 30. August 2015 statt.