Mitten im Park steht das barocke Schloss Branitz. Es ist seit 1696 der Hauptsitz des Lausitzer Familienzweiges. Das Schloss verrät viel über das schillernde Leben des Adligen. Wer in der Bibliothek steht, denkt, der Fürst ist nur mal eben aus dem Raum gegangen. Umbauten fanden 1770 bis 1771 unter August Heinrich Graf von Pückler und zwischen 1850 und 1870 unter Herrmann Fürst von Pückler-Muskau statt. Um das Schloss ließ der Fürst einen gebäudenahen Garten im englischen Stil anlegen, einen sogenannten Pleasureground. Dieser bestand aus vielen ausgeschmückten Rasenflächen direkt am Haus mit geometrisch angelegten Blumenbeeten, Ziergehölzen und Plastiken. Daneben gibt es den großen Innenpark mit dem Pyramidensee, dem Schlangensee, den künstlich angelegten Wasserstrassen, der Schlossgärtnerei mit den Gewächshäusern, den Torhäusern im Süden und Norden, der Parkschmiede und der Gutsökonomie mit dem Besucherzentrum. Neben dem Innenpark gibt es auch den Außenpark. Weite Teile des Außenparks sind aber mittlerweile anderweitig bebaut worden.So steht der Tierpark, die Branitzer Siedlung, der Eliaspark, der Spreeauenpark und das Stadion nun auf Flächen des Außenparkgeländes. Durch die Bodenreform 1945 wurde die Familie von Pückler enteignet. Seit 1946 ist das Schloss ein Museum. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten ab 1991 erstrahlt das Gebäude wieder in seinem ursprünglichen Rosé.

Trocken ist’s am Sonntagmorgen. Jedenfalls in der Früh. Die Sonne kommt hervor. Ich fahre die Markise aus. Kurze Zeit später verschwindet das Tagesgestirn. Dann es beginnt es zu regnen. Erst ein Schauer. Dann Pause. Dann noch ein Schauer. Der Bummel durch den Spreeauenpark findet noch davor im Trockenen statt. Nach dem zweiten Schauer reißt der Himmel auf. Die Sonne kommt heraus und bleibt den ganzen Tag. Der macht dem Sommer alle Ehre. Es ist heiß und schwül. Heißer als gestern. Im Troll klettert das Thermometer am Nachmittag über 30 Grad. Dazu Windstärke eins. Nur ein paar Blätter bewegen sich in den Bäumen am Stellplatz. Hin und wieder sogar ein Ästchen. Wir legen mal wieder einen Premiumtag ein. Über den Tag verlassen ein paar Mobile den Stellplatz. Etliche kommen neu hinzu. Am Abend – ich hätte es nicht für möglich gehalten – sind von den zwölf Plätzen nur noch zwei frei. Morgen werden wir weiterfahren. Nach Torgau an der Elbe. 122 Kilometer sind es laut Navi. Ein Parkplatz am Fluss. Ohne Service, ohne Strom, ohne WC, aber auf schiefer Ebene.

Der Morgen begrüßt uns mit einem blauem Himmel. Nach Frühstück und Entsorgen geht’s los. In aller Ruhe. Wir sind ja nicht auf der Flucht. Heute leitet uns keine Umleitung in Cottbus um. Kein Sperrschild versperrt uns den Weg. Es dauert nicht lange, bis wir die Autobahn Richtung Berlin erreichen. Dann geht’s los. Dunkelblauer Himmel. Beinahe schwarz. Wir fahren direkt ins Unwetter hinein. Es kommt von oben, dass die Scheibenwischer im Schnellgang Mühe haben, das Nass von der Frontscheibe zu schaufeln. Nach vorn ist kaum etwas zu sehen. 80 km/h ist für mich die Höchstgeschwindigkeit. Für mich und einige andere Fahrzeuglenker vor mir. Doch die Mehrzahl von Pkw und Lkw fetzt an uns vorbei. Mit geschätzten über hundert km/h. Wenn’s eng werden sollte, gibt’s hier einen der bekannten Massenauffahrunfälle. Und ich mittendrin. Aber alles geht gut. Nach Verlassen der Autobahn lässt nicht nur der Verkehr, sondern auch das Nass von oben samt Blitz und Donner nach. Wir erreichen ohne Knitterfalten Torgau. Steuern ohne Umwege den Parkplatz an der Elbe für Pkw und Mobile an. Die Fläche fällt rasant steil zum Wasser ab. Hier helfen nur Keile unter Vorder- und Hinterrad. Null Euro soll er kosten. Ohne jeden Service. Ohne Strom und ohne WC.

Denkste. Zwei Damen vom Ordnungsamt sind im Auftrag der Stadt unterwegs, um zu kassieren. 5,10 Euro von jedem Fahrzeug. In den ,,Hinweisen für Nutzung der Caravaning Parkplätze“ heißt es dazu: ,,Da die Parkflächen sehr gut angenommen werden, akzeptiert die Stadt auch das Parken, insoweit dies im Rahmen der Regelung des § 1 der Straßenverkehrsordnung ,Gegenseitige Rücksichtnahme’ zulässig ist. Parken ist das Halten eines Fahrzeugs für länger als drei Minuten und das Abstellen und Verlassen des Fahrzeugs. Einmaliges Übernachten zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit ist erlaubt. Man geht dabei von einem Zeitraum von zehn Stunden aus . . . Mehrmaliges Übernachten am selben Ort hingegen ist eine Sondernutzung, die einer Genehmigung bedarf . . . dazu gehört auch das Herausstellen von Campingmöbeln oder das Herauskurbeln der Markise. Die Sondernutzungsgebühr in der Großen Kreisstadt Torgau beträgt nach der Sondernutzungssatzung 5,10 Euro pro Tag.“ ,,Und bis wann muss ich morgen verschwunden sein, damit nicht die nächsten 5,10 Euro anfallen?“ frage ich die junge Frau. ,,Nach dem Frühstück“, ist die Antwort. ,,Wenn ich aber recht spät frühstücke?“ ,,Dann nach dem späten Frühstück.

Torgau

Der Name Torgau stammt aus dem Altslawischen. In dieser Sprache bedeutet ,,Torgov“ soviel wie Marktort.
An einer alten Handelsstrasse, begünstigt durch eine Furt über die Elbe, entwickelte sich eine rege Handelstätigkeit. Die erste urkundliche Erwähnung von Torgove war 973. Unter Heinrich I. entstand im 10. Jahrhundert die Mark Meißen. Die Ostgrenze des Reiches wurde von einer Reihe von Burgen gesichert, zu denen auch die Burg Torgau gehörte. Wichtig war Torgau durch seine Lage am westlichen Hochufer der Elbe und an einer Elbefurt. Dadurch wurde die Stadt zu einem wichtigen Anlaufpunkt für den Fernhandel. Im Bereich der heutigen Altstadt entstand eine feste Kaufmannssiedlung.

Zu einem raschen wirtschaftlichen Aufschwung kam es im 12. und 13. Jahrhundert. Die ersten Stadtprivilegien für Torgau sind in der Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisbar. Nach Übernahme der Markgrafschaft Meißen durch die Wettiner gehörte Torgau Jahrhunderte lang zu deren Herrschaftsbereich. Das politische Zentrum der ernestinischen Linie der Wettiner wurde Torgau nach der Teilung Sachsen im Jahre 1485. Die Stadt wurde bevorzugte Residenz der Kurfürsten Friedrich des Weisen, Johann des Beständigen und Johann Friedrich des Großmütigen. Handel und Handwerk, Kunst und Kultur blühten auf.

Das mittelalterliche Stadtbild Torgaus zerstörten 1442 und 1482 zwei verheerende Brände. In der Folge entstand die heutige Altstadt, so z. B. der von 1561 bis 1565 erbaute Rathauskomplex mit der Nikolaikirche. Ebenfalls in dieser Zeit entstanden die Patrizierhäuser. Eine Augenweide ist das 1579 erbaute, gewaltige Renaissance-Rathaus mit seinem farbenprächtigen und reich verzierten Erker. Es gilt als das schönste Rathaus Sachsens. In der Stadt gibt es über 500 Denkmale aus der Zeit der Spätgotik und der Renaissance. Die Nikolaikirche war der Ausgangspunkt der städtischen Reformation. 1519 wurde die erste Taufe in deutscher Sprache abgehalten. 1520 fand die erste evangelische Predigt statt.

Während Wittenberg als ,,Mutter der Reformation" gilt, nennt man Torgau ,,Amme der Reformation". Torgau ist die bedeutendste Lutherstätte in Sachsen. Vom nahen Wittenberg drangen der Ruf nach Geistesfreiheit und kritische Äußerungen schnell in das benachbarte Torgau. Torgau wurde zu einem Ort wichtiger Begegnungen und Entscheidungen. Martin Luther weilte über vierzig Mal in der Stadt. Hier unterstützte nicht nur der Kurfürst, sondern auch eine aufgeschlossenen Bürgerschaft seine Ideen, hier wurde das Bündnis der reformatorischen Fürsten - der Torgauer Bund - geschlossen. 1517 erfolgte auf Schloss Hartenfels heimlich der Druck der Wittenberger Thesen. Luther predigte 1521 zum ersten Mal in Torgau.

Meine Ingrid, Calle und ich machen uns danach auf in die Stadt. Bei schweißtreibenden Temperaturen. Bei strahlendem Sonnenschein und hoher Luftfeuchtigkeit. Vorbei am Schloss. In weitem Bogen zum Marktplatz mit Rathaus und Gastronomie. Dass es auch ohne weiten Bogen und wesentlich kürzerer Strecke geht, wissen wir ja nicht. Das erfahren wir erst auf dem Rückweg. Sauber, gepflegt, ansprechend super in Farbe präsentiert sich das Zentrum. Wenn man mal von einem einzigen Haus in bester Geschäftslage absieht, das offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen hat. Es scheint dem Verfall preisgegeben.

Die Mittagsstunde ist längst vorbei. Höchste Zeit für einen Imbiss. Den gönnen wir uns am Markt im Ricard. Ingrid mit einem geschmortem Sommergemüse mit Ziegenkäse überbacken samt Petersilienkartoffeln. Ich bestelle mir überbackene Schinkennudeln. Dazu gibt’s ein Bier und eine Cola. Danach geht’s weiter in die Bäckerstraße. Kekse, Pfefferminzbonbons und eine Tafel Bitterschokolade sind hier die Beute von Ingrid. Und weil wir ja 2017 mitten im Lutherjahr sind, marschieren wir – schleichen wäre bei der Hitze wohl der bessere Ausdruck – Richtung Schlossstraße und Katharinenstraße. Hier befindet sich das Haus Nummer 11. Heute eine Gedenkstätte mit der Katharinen-Luther-Stube. Hier starb am 20. Dezember 1552 Katharina Luther, geborene von Bora. Im Juni 1525 ehelichte der Reformator Martin Luther die 1499 geborene Katharina, die als Kind in das Kloster Brehna und später nach Nimbschen gebracht wurde.