Der Wetterfrosch lag wieder falsch. Morgens bedeckter, ein paar Stunden später blauer Himmel. Für uns wieder einmal zu warm. Wieder einmal Umleitungen. Erst auf Bundes-, dann auf Landstraßen. Die wenigen Kilometer Autobahn gespickt mit Baustellen. Zum Glück ohne Stau. Es geht ,,zügig“ voran. Meistens mit 60 km/h, an die sich aber kaum jemand hält. Kommt wieder ,,freie Fahrt“ gebe ich dem Troll die Sporen. Gegen Mittag sind wir in Quedlinburg. Genau richtig, um einen freien Stellplatz zu kriegen. Wir steuern ,,An den Fischteichen“ an . . . und haben Glück. Nicht ein einziges Mobil steht dort. Wenige Minuten später weiß ich warum. VE und Strom, WC und Müllcontainer gesperrt. Angeblich, weil immer wieder Vandalen ihr Unwesen treiben. Also gebe ich den nächsten Platz ein. Schlossparkplatz ist mein Favorit. Das Navi weist mir den Weg. Quer durch die Innenstadt. Auf alten und ganz schmalen Sträßchen. Links ein Fußweg an Häusern, rechts geparkte Pkw. Oder: Rechts ein Fußweg an Häusern und links geparkte Pkw. Mir bleiben an beiden Seiten nur Zentimeter, um nicht anzuecken. Das würde dann ein Kollateralschaden. Dann geht’s gemeinerweise auch noch um scharfe Ecken mit den dicken Felsbrocken an den Einfahrten (zum Schutz der Hauswand). Zentimeter um Zentimeter komme ich voran. Habe Bedenken, ob’s nach der nächsten Ecke noch weitergeht oder ob der Rückwärtsgang eingelegt werden muss. Das wäre meine Endzeit.

Dann kommt mir ein Quedlinburger ,,Engel“ zu Hilfe, den ich durchs Fenster um Rat frage. Und er erweist sich als der Engel des Tages. Ach was, der Engel der Woche oder vielleicht sogar des Monats. Bielert heißt der gute Mann. ,,Ich kann Ihnen nachfühlen, wie es Ihnen jetzt geht“, lacht er mir ins Gesicht. ,,Und wissen Sie, ich tue jetzt etwas Gutes und fahren Ihnen voraus zum Schlossparkplatz.“ Und das tut er tatsächlich. Bringt mich innerhalb weniger Minuten zum Ziel. Verabschiedet sich mit einem Aufblinken und verschwindet in einer der nächsten schmalen Gassen. Ich habe ihm versprochen, ihn in mein Abendgebet aufzunehmen und würde ihn – wenn er eine Frau im besten Alter wäre – ganz heftig zum Dank knuddeln.

Auf dem Schlossparkplatz ist - trotz früher Stunde - alles besetzt. Nur ein kurzes Loch in der Wohnmobilreihe ist frei. Ich versuche mit Hilfe meiner geübten Einweiserin, erfahrenen Copilotin, routinierten Heißgetränkeproduzentin und schicksalsgeprüften Ehefrau durch vor- und rückwärtsrangieren in das Loch zu kommen. Das klappt. Doch hinten reicht’s nicht. Unser Fahrradträger würde zum Pflug und den Rasen beackern. Als der vierte oder fünfte Versuch scheitert, probiere ich es mit dem Troll zwanzig Meter weiter. Auf einem Pkw-Parkstreifen an der Seite des Platzes. Dort gibt’s kein Problem. Und das Anschließen unseres Stromkabels sparen wir auch. Den gibt’s dort nicht. Und wenn es ihn gäbe, dann nur gegen Chips, die im nahen Bowlingcenter vorm Stellplatz zu erwerben sind.

Nach soviel Stress wird der anschließende Stadtgang zum reinen Vergnügen. Na, ganz natürlich nicht. Weil die Sonne von oben wieder einmal erbarmungslos brennt und uns einen echten Hochsommertag beschert. Wir drücken uns im Schatten der Häuser durch die geschichtsträchtigen Straßen. Gönnen uns unterwegs etwas Trinkbares und landen schließlich auf dem Marktplatz und am Rathaus. Bummeln nach rechts, bummeln nach links. Machen Pause bei Tschibo und treten danach den Rückweg an. Nun geht’s immer leicht bergan. Nicht steil wie auf den Brocken, aber uns reicht’s. Leicht abgeschlafft erreichen wir nach Stunden den Troll und lassen den Tag ruhig ausklingen. Die im Troll gespeicherte Wärme hält bis in die Nachtstunden an. Morgen – so habe ich mir vorgenommen – soll’s nach Blankenburg gehen. Dort waren wir auch vor Jahren schon einmal und wollen nun sehen, ob sich in dem mittelalterlichen Städtchen etwas Neues getan hat.

Quedlinburg

Die ersten Siedlungsspuren reichen bis in die Altsteinzeit zurück. Quedlinburg, einstige Königspfalz und Mitglied der Hanse, ist eine über 1000-jährige mittelalterliche Stadt. Charakteristisch sind die winkligen Gassen mit uraltem Pflaster und die weiträumigen Plätze umsäumt von Fachwerkhäusern, überragt vom massigen Sandsteinfelsen des Burgberges mit der romanischen St.-Servatius-Kirche. Hier begann vor über 1000 Jahren deutsche Geschichte.

Am Finkenherd, zu Füßen des Burgbergs, soll Sachsenherzog Heinrich 919 die Königskrone empfangen haben. Er und seine Nachfolger machten Quedlinburg zu einem wichtigen Zentrum ihrer Reichspolitik. Heinrich I. wurde hier 936 beigesetzt. An der Grabstätte ihres Gemahls gründete Königin Mathilde im gleichen Jahr ein Damenstift, das fast 900 Jahre lang bestand. In den Kostbarkeiten des Domschatzes in der Stiftskirche, spiegelt sich noch heute der Glanz des ottonischen Kaiserhauses wider.

Die Stadt steht zu einem großen Teil unter Denkmalschutz. 994 verlieh Otto III., seiner Tante Mathilde, Äbtissin des Frauenstifts auf dem Schlossberg, das Markt-, Münz- und Zollrecht. Im Bereich um die heutige Marktkirche entstand ein ottonischer Markt, der schon bald die ihn umgebende Mauer sprengte und eine Erweiterung in Richtung des heutigen Marktplatzes nötig machte. Den neuen Mittelpunkt der rasch wachsenden Marktsiedlung bildete das 1310 erstmalig erwähnte Rathaus. Nach und nach wurden auch die bäuerlichen Ansiedlungen um die Blasii- und Ägidiikirche sowie das Word- und das Pöllenviertel von einer Stadtmauer umgeben. 1426 trat Quedlinburg der Hanse bei und versuchte im gleichen Jahrhundert sich aus der Abhängigkeit vom Stift zu lösen. Nach dem Scheitern dieser Bemühungen blieb Quedlinburg bis 1802 dem Frauenstift unterstellt. Ackerbau, Viehzucht und Handwerk ernährten die Bürgerschaft. Im 19. Jahrhundert brachte die Saatzucht der Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und machte Quedlinburg über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Altstadt mit etwa 700 Häusern, der Schlossberg sowie die Stiftskirche St. Servatius gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Den Stadtkern bilden etwa 1200 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser aus fünf Jahrhunderten. Insgesamt hat Quedlinburg rund 2100 Fachwerkhäuser.

Das Rathaus wurde 1310 urkundlich erstmals erwähnt. Am Anfang des 17. Jahrhunderts ist es im Stil der Renaissance umgebaut worden. Aus dieser Phase stammt auch das repräsentative Eingangsportal mit dem Stadtwappen. Zwischen 1899 und 1901 erfolgte der Anbau von zwei Seitenflügeln. Sehenswert sind der im Stil der Gründerzeit mit Wandgemälden zur Stadtgeschichte ausgestattete Stadtverordneten-Sitzungssaal (Festsaal) und das große von der Wüstenrot-Stiftung finanzierte Stadtmodell im Erdgeschoss. Der 1477 zerstörte steinerne Roland wurde 1869 wieder errichtet und steht an der Marktfassade neben der Freitreppe. Das Rathaus ist noch heute Sitz der Verwaltung.

Auf einem Sandsteinfelsen steht die mehr als tausendjährige romanische Stiftskirche wie ein Wahrzeichen über der Stadt. Die 1129 geweihte flachgedeckte Basilika besaß bereits drei Vorgängerbauten. Der monumentale Sandsteinbau zeigt sowohl an der Fassade als auch in der Ornamentik des Innenraumes starke lombardische Einflüsse. Im Osten führt eine Treppe in den Hohen Chor und zu den Schatzkammern, die seit 1993 wieder den berühmten Quedlinburger Domschatz beherbergen. In der Krypta unter dem Hohen Chor befinden sich die Gräber des ersten deutschen Königs, Heinrich I., und seiner Gemahlin Mathilde.