Das ist des Campers Fluch, Regen und Besuch. Besuch hatten wir nicht, brauchen wir nicht, kriegen wir nicht. Aber Regen haben wir heute. Beim Zusammenpacken auf den Schlossparkplatz nicht, beim Wegfahren nicht und auch nicht beim Ankommen auf dem Bus- und Womoplatz in Blankenburg. Aber dann kommt er. Just als wir aufgehübscht in Richtung Häuser,,meer“ aufbrechen wollen. Erst ganz fein (macht ja nix), dann immer dichter werdend. Mit blauschwarzem Himmel. Scheinbar als Dauerregen. Eine Stunde später geht alles wieder in Nieseln über, hört dann ganz auf. Wir starten in die Altstadt. Vor Jahren waren wir schon einmal hier. Es hat sich viel zum Guten gewendet. Gepflegte Straßen, gepflegte Grünanlagen, sanierte Häuser. Doch immer wieder sehen uns dazwischen leere Fensterhöhlen, blinde Scheiben, leere Läden mit leeren, dreckigen Schaufenstern und verfallendes Mauerwerk an. Die Leerstände – so scheint’s mir – sind nicht weniger, sondern mehr geworden. Die Stadt scheint im Dornröschenschlaf und kein Prinz in Sicht, der sie wachküsst.

Auf dem Busparkplatz, auf dem wir stehen, spuckt ein einziger Bus eine Ladung Damen und Herren im fortgeschrittenen Alter aus. Reichsbund auf Reisen, geht mir durch den Kopf. Die Gruppe steuert in Richtung Kleines Schloss und ist eine halbe Stunde später auf der Weiterfahrt. Beim Bummel durch die Straßen bewundere ich (wieder einmal) das stattliche Rathaus, das vor Jahrzehnten, vielleicht vor Jahrhunderten bessere Zeiten gesehen hat. Vom Tourismus kann diese Kommune nicht leben, dafür sind zu wenig Touristen unterwegs. Ein schweres, wenn überhaupt ein Leben bzw. Überleben ist es offensichtlich auch für die Einzelhändler im Städtchen. Aldi und Co. schnappen ihnen offensichtlich die Kunden weg. Ich habe heute keinen kleinen Lebensmittler zu Gesicht bekommen und auch keinen kleinen Gemüsehändler. Nur die Lebenskünstler, die sich vor einigen Jahren am Kiosk unterhalb des Stellplatzes den Tag mit Alkohol versüßten, sind offensichtlich dieselben geblieben.

Vor Jahren kratzten wir gegen Abend die Kurve. Ich hatte damals Bedenken, dass uns die angetrunkenen Gestalten mit einem nächtlichen Besuch beehren wollten. Einen halben Tag lang hatten sie sich gegenüber unserem Mobil auf einer Bank Mut angetrunken und uns unverhohlen über Stunden angestarrt. Durch einen Zufall kommen wir heute bei der vorzeitigen Rückkehr zum Troll mit einem von ihnen ins Gespräch. Vorzeitig, weil wir in zum Teil heftigen Regenschauern durch die Straßen marschieren. ,,Die sind harmlos“, erklärt uns der zugezogene Blankenburger. Wohnt seit zwanzig Jahren hier und ist immer noch der  Fremde. Und sieht wie seine ,,Kollegen“ nach ein paar Flaschen Bier alles Drumherum durch eine rosarote Brille. Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr. Wir hoffen anschließend auf eine Regenpause im ,,Altdeutschen Kartoffelhaus“ bei einem leckeren Vanilleeise mit Erdbeeren und Sahne.

Es gibt keine Regenpause, es kommt nur ein bisschen weniger Nass unten an. Auf staubfreien und frisch gewaschenen Straßen erreichen wir den Troll. Wenig später beginnt es dann richtig zu sauen. Eimerweise kommt’s von oben. Fernsehen gibt’s heute nicht. Wir stehen im Funkschatten von hohen Kiefern. Müssen halt heute auf das perfekte Dinner verzichten. Morgen werden wir den Troll Richtung Heimathafen laufen lassen. Werden uns keinen Kopp mehr machen, ob wir am nächsten Tag einen ansprechenden und schönen Pausenplatz für die Nacht finden, oder ob (oft genug kommt’s vor) für ein ungepflegtes Gelände ohne jeden Service eine Gebühr wie für ein Vier-Sterne-Hotel verlangt wird.

Blankenburg

Eine erste Erwähnung der Stadt, deren Name sich von der Burg herleitet, findet sich 1212 in einer Urkunde des Bischofs von Halberstadt. Die Gründung der planmäßig errichteten Stadt, deren mittelalterliche Struktur heute noch erkennbar ist, erfolgte vermutlich um 1200. Eine nochmalige starke Zerstörung Blankenburgs fand 1386 statt. Am Ende des 12. Jahrhunderts verpfändete die Äbtissin von Quedlinburg abteiliche Güter an Blankenburger Juden. Diese haben offenbar zu der Zeit in Blankenburg und auch in Quedlinburg gewohnt. Heute ist Blankenburg Ausgangsort für einen Urlaub im Harz. In der Eigenwerbung der Stadt finde ich: ,,In der Altstadt schmiegen sich liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser eng an die Stadtmauer, während im weiteren Umfeld Stadtvillen aus dem 19. und 20. Jahrhundert mit großzügigen Gärten einen weiteren Teil des Stadtbilds bestimmen.“ Zumindest der erste Teil des Satzes dürfte stark übertrieben sein. Aber Papier ist geduldig

Die älteste urkundliche Erwähnung des Rathauses erfolgte 1442. Seit 1389 ist der Rat der Stadt nachweisbar. 1497 wurde eine Schlaguhr auf dem Turm installiert und 1584 das ganze Gebäude erhöht, das 1735 repariert, 1738 mit einem neuen, mit Schiefer bedeckten Turm versehen wurde. Vormals stand vor dem Rathaus auf dem Markt die Hauptwache, ein hölzernes Pferd, ein Strafpfahl und ein Röhrenkasten mit auslaufendem Wasser, schrieb 1788 der Chronist Johann Christoph Stübner.

Nach den Stilmerkmalen und den angebrachten Jahreszahlen stammt der jetzige Bau aus dem 16. und 18. Jahrhundert. Die Jahreszahlen im Innern des Turmes (1546), über der Tür zum Ratskeller (1577) sowie über dem Portal des zweiten Stockwerkes und am Giebel (1584) lassen auf mehrere Bauabschnitte innerhalb von 38 Jahren schließen. Das Jahr der Aufstockung des Gebäudes ist mit der Inschrift am zuletzt genannten Portal eindeutig datierbar: ,,Anno Domini 1584 . . . ist dies Rathaus in Gottis Nahmen erhöhet zu bawe gefangen an.“ In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Dachreiter mit der Uhr und das Turmportal erneuert und damit dem Rathaus barocke Baudetails hinzugefügt. Früher war Blankenburg größte Stadt im Ostharz. Mit dem damit erwirtschafteten Reichtum bauten die Bewohner ihre Fachwerkhäuser. Das älteste erhaltene Haus steht in der Bäuerschen Straße und wurde 1423 erbaut.

Während sich Blankenburg im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Kurstädtchen entwickelte, wandelte sich auch das Bild der Stadt. So wurden für die wachsende Bevölkerung innerhalb der Stadtmauern neue Stadtteile gegründet, in denen die reichen Bürger Villen im Stil der Renaissance oder des Barock errichteten. Der Kern der Altstadt, die Lange Straße, entwickelte sich zu einer Einkaufspassage. Durch Brände vernichtete Gebäudegruppen wurden im jeweiligen Zeitstil ersetzt, so dass an manchen Stellen eine recht eigentümliche Mischung der Baustile zu beobachten ist. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurden durch einen Luftangriff viele Gebäude zerstört.

Nach dem Krieg fehlte das Geld, um die Gebäude wieder zu errichten. Bis 1989 geschah nur sehr wenig, um den historischen Kern der Stadt zu erhalten. Seit der Wende jedoch wird die Rekonstruktion der Gebäude vorangetrieben. Das alte Bild der Stadt nimmt wieder Kontur an. Angefangen am Markt und Rathaus wurde die Tränkestraße und auch die Lange Straße rekonstruiert.

Mit barocker Eleganz thront das Schlosses auf einem 305 Meter hohen Kalkberg, dem ,,Blanken Stein“, über der Stadt. Über fast 800 Jahre hinweg wurden von diesem Punkt aus die Geschicke und Entwicklung der Region beherrscht. Bereits 1122 und 1125 hielt sich der Sachsenherzog Lothar von Supplingenburg, der spätere deutsche Kaiser, hier auf und etwa ab 1133 bis 1599 residierten hier zunächst die Blankenburger und später die Regensteiner Grafen. Unter ihrer Herrschaft entwickelte sich die Schlossanlage von einer mittelalterlichen Wehranlage mit Bergfried, Burgkapelle, Pallasgebäude und mehrtürmigen Mauerring, dessen Anschluss an die Stadtmauer auch heute noch besteht, zu einem dreiflügeligen Renaissanceschloss des 16. Jahrhunderts.

Die Reste der alten Burg brannten 1546 nieder. 1705 bis 1718 ließ Herzog Ludwig Rudolph von Braunschweig-Wolfenbüttel das Renaissanceschloss zu einer barocken Residenz umbauen. Die äußere Form wurde schlichter und klarer gegliedert, im Inneren entstanden Repräsentationsräume. Der Süd- oder Turmflügel behielt im Inneren seinen Renaissancecharakter.