Grüne Halbinsel Butjadingen
,,Deus mare, Friso litora fecit” – Gott hat das Meer geschaffen, der Friese die Küste
Endlich, der Winter ist vorbei. Die nasskalten Tage, die grauen Regenwolken am Himmel, das war gestern. In den Bäumen hinter dem Haus gurren wieder die Tauben, holen unsere gefiederten Grundstücksbewohner die letzten Brosamen aus der Erde unter dem Futterhäuschen. Lärmen die Spatzen, wenn ihnen von Tauben, Drosseln und Meisen die besten Brocken vor dem Schnabel weggeputzt werden. Nun ist die Quecksilbersäule im Thermometer endlich etliche Striche über der Nullmarke. Es wird Zeit, den Troll wieder reisefertig zu machen.
Heute geht unsere Fahrt noch einmal in Richtung Norden, nach Friesland, genauer: nach Butjadingen im Landkreis Wesermarsch im nordwestlichen Niedersachsen. Das liegt auf der gleichnamigen Halbinsel an der deutschen Nordseeküste, die im Südwesten an den Jadebusen, im Westen und Nordwesten an die Innenjade sowie im Osten und im Nordosten an die Weser und deren Mündung grenzt. Zugleich ist die Gemeinde Butjadingen Teil der historischen Landschaft Butjadingen, in der im Mittelalter und in der frühen Neuzeit der friesische Stamm der Butjadinger lebte. Ein Ort mit dem Namen „Butjadingen“ existiert allerdings nicht. Schlau gemacht habe ich mich für diese Fahrt bei Wikipedia und den Internetseiten der Region, den Gemeinden, den Touristinformationen, den Stell- und Campingplätzen. Für diese Informationen herzlichen Dank.

Wer heute von „den Friesen“ spricht, dem huscht oft ein Lächeln übers Gesicht und ein „Kennen Sie den schon . . .“ Dann kommt einer jener dummen Ostfriesenwitze, wie sie seit Jahren im Umlauf sind. Oft an Einfalt kaum noch zu überbieten. Dass Ostfriesland jedoch nur ein kleiner Teil dessen ist was Friesland ausmacht, hat sich kaum rumgesprochen.

Friesland umfasst Westfriesland, die Provinz Friesland, Ostfriesland, den Landkreis Friesland (ehem. oldenburgisch) und Nordfriesland, des Weiteren das Saterland, Butjadingen, das Stedinger Land, das Land Wursten und die Inseln Neuwerk und Helgoland. Spätestens seit dem Mittelalter verläuft die Entwicklung der einzelnen Friesenstämme getrennt. Im hohen Mittelalter sind die Nordfriesen bereits völlig von ihren Stammesgenossen abgetrennt. Ihre weitere Entwicklung wird von Schleswig-Holstein und der wechselvollen Geschichte zwischen Dänemark und Deutschland bestimmt. Man unterscheidet in dieser Zeit zwischen West-, Mittel- und Ostfriesen. Westfriesland geht schon recht früh in der Grafschaft Holland, den späteren Niederlanden, auf. Mittelfriesland ist das ,,westerlauwersche“ Friesland in den Niederlanden, Ostfriesland reicht von der Lauwers bis zur Weser, genauer: vom Ijsselmeer bis zur Unterweser.
Die Gemeinde Butjadingen liegt auf der Halbinsel Butjadingen, die sich im Mittelalter gebildet hat, als große Sturmfluten den Verlauf der heutigen Nordseeküste gestalteten. Nach der zweiten Marcellusflut 1362 war Butjadingen zeitweise eine Insel. Die beiden durch das Wasser der stetig größer werdenden Jade (Innenjade und Jadebusen) geteilten Reste des friesischen Gaus Rüstringen wurden fortan Bovenjadingen (links der Jade gelegen) und Butjadingen (rechts der Jade) genannt. Der Name leitet sich von niederdeutsch „buten“ (= außen, außerhalb, jenseits) und „Jade“ ab. Das Wort „Butjadingen“ bezeichnet also das „Land jenseits der Jade“ (aus der Sicht der Landschaften, in denen die Mehrheit der Friesen lebte). Bis ins Mittelalter gehörte das Gebiet zur autonomen friesischen Landesgemeinde Rüstringen, der terra Rustringie, in der die friesische Freiheit galt und die Mitglied der Friesischen Seelande war.

In verlustreichen Schlachten („Lewer duad üs Slaw“) kämpften die Friesen um ihre Unabhängigkeit, sowohl gegen Eroberungsversuche von außen als auch gegen Herrschaftsansprüche friesischer Geschlechter. Die Kontrolle Bremens konnten die vereinigten Butjadinger und Stadlander 1424 nach vier Jahrzehnten wieder abschütteln. Nachdem der Jadebusen durch drei kurz aufeinander folgende Sturmfluten, die Zweite Cosmas- und Damianflut am 26. September 1509, eine unbenannte Sturmflut am 9. September 1510 sowie die Antoniflut am 16./17. Januar 1511, seine größte Ausdehnung erreichte, waren die Rüstringer Friesen aber so geschwächt, dass die Grafen von Oldenburg 1514 das Stadland und 1532 Butjadingen unterwarfen.
Immerhin hatten die Oldenburger die Mittel, neue und stärkere Deiche zu bauen, so dass die Landgewinne größer waren als die Landverluste. Innerhalb von weniger als fünf Jahren bildeten Stadland und Butjadingen wieder eine Halbinsel des Festlandes. Allein an der Nordküste Butjadingens ging noch Land und mit ihm mehrere Dörfer verloren. Ursache war die Hauptrinne der Außenweser, die von etwa 1600 bis etwa 1800 nicht wie vorher (und heute wieder) nordwärts vor der Küste des Landes Wursten verlief, sondern nordwestwärts entlang der Küste Butjadingens. Bei der letzten verheerenden Sturmflut Weihnachten 1717 wurden fast alle Marschen an der deutschen Nordseeküste überschwemmt. In vielen Kirchspielen ertrank ein Drittel der Bevölkerung. An den Folgen der materiellen Verluste litt die Region an die hundert Jahre. Aber die Landverluste waren viel geringer als bei den Katastrophen des 15. und 16. Jahrhunderts. An der West- und Nordküste Butjadingens mussten jedoch viele Deiche noch einmal um etwa einen halben Kilometer zurückverlegt werden. Nach dieser Flut wurden unter der Leitung des oldenburgischen Oberlanddrosten Sehestedt die Deichlinien an der Ostküste des Jadebusens und dem Westufer der Weser sturmflutfest gemacht.

Zwischen Wilhelmshaven und Bremerhaven liegt die Halbinsel Butjadingen. Die besonderen klimatischen Bedingungen gelten als gesundheitsfördernd, belebend und heilend, steht in der Eigenwerbung. Die weite grüne Marsch, eine verhältnismäßig junge Landschaft, die durch die Sedimentablagerungen des Meeres entstanden ist und von einem 35 Kilometer langen, über acht Meter hohen Seedeich geschützt wird, prägt die Landschaft. Der Name der Region leitet sich vom Plattdeutschen „buten“ ab und spielt damit auf die Lage der Halbinsel draußen, sprich außerhalb der Jadebucht bei Wilhelmshaven, an. Der Halbinsel vorgelagert erstreckt sich das Wattenmeer zwischen den Mündungen von Jade und Weser etwa 23 Kilometer nach Nordwesten bis über die Insel Mellum hinaus. Drei Küsten – Nordsee, Weser und Jadebusen – rahmen das Ferienland Butjadingen ein. Einen Spaziergang trockenen Fußes über dem Watt bietet der Wattensteg in Burhave, eine 200 Meter lange Seebrücke, wie man sie sonst nur von der Ostsee kennt.

Die Bewohner der Halbinsel leben überwiegend von Tourismus und Landwirtschaft, hat vor einigen Jahren der NDR herausgefunden. Die traditionellen Windmühlen wurden längst durch die Windkrafträder verdrängt, die inzwischen die Silhouette der flachen Landschaft prägen. Burhave ist Verwaltungssitz und größter Ortsteil der Gemeinde Butjadingen, eines Zusammenschlusses von mehr als zehn kleinen Dörfern. Das wirtschaftliche Zentrum der Region ist Nordenham an der Wesermündung.
Wenn wir Tossens als erste Station anlaufen, habe ich 59,9 Kilometer vor mir. Das ist in einer Stunde locker zu schaffen. Fahren wir zuerst nach Fedderwardersiel ist die Strecke 59,7 Kilometer lang und ich benötige laut MapsGalaxy 1 Stunde und eine Minute. Nach Burhave wären es 56,5 Kilometer in 56 Minuten. Eckwarden liegt 58,4 Kilometer von Steden entfernt und damit nur 57 Minuten: Will sagen: Von Zuhause an die Nordsee ist es nur einen Katzensprung weit.

Die vergangenen Tage waren regenverhangen und kalt. Heute morgen ist es zwar wieder kalt – saukalt, um ehrlich zu sein – doch es ist trocken, wenn auch ohne Sonne. Im Süden der Republik – so zeigen’s die Nachrichten im Fernsehen – hat’s in der vergangenen Nacht geschneit. Sind die Lenker der Blechkarossen auf eisglatter Piste zu Dutzenden ins Rutschen gekommen und anschließend unsanft an Bäumen oder im Straßengraben zum Stehen. Ich starte in den Morgen mit einem Besuch beim Doc. Quickwert messen. Feststellen ob die Blutgerinnung richtig eingestellt ist. Ist sie zwar wieder einmal nicht, doch es passt beinahe. Das muss dann für die nächsten eineinhalb Wochen reichen. Die letzten Sachen einpacken, Medikamente, Sauerstoffkonzentrator und Fotoapparat nicht vergessen und los geht’s. Erst über die L 135 Richtung Bremerhaven, dann nach Westen, durch Stotel und unter der Weser durch. Auf der Oldenburger Seite lacht uns doch tatsächlich die Sonne ins Gesicht. Dann marschiert der Troll gen Nordenham. 900 Meter vor unserer letzten Abbiege nach Burhave zwingt uns ein Schild zum Umweg. Durch den Außenbereich von Nordenham immer nach Norden ohne ,,ham“. Über etliche Kilometer. Als ich am Ende nach einer Alternative Ausschau halte, hilft mir die Tante im Navi und bringt uns über schmale – zum Teil sehr schmale – Straßen durch Ortschaften, deren Namen ich noch nie gehört habe zum Ziel. Vor Burhave passieren wir Waddens.

Waddens . . . eigentlich das älteste Dorf Butjadingens! Warum ,,eigentlich“? Waddens gehört historisch gesehen zu den ältesten Siedlungen in Butjadingen. Dies trifft aber nur auf den „alten“ ca. vier Kilometer östlich gelegenen Ort des heutigen Waddens zu, der Ende des 17. Jahrhunderts nach der Catharinenflut ausgedeicht und nach der Weihnachtsflut von 1717 (146 Tote, 46 zerstörte Häuser) endgültig dem Meer überlassen wurde. Dort, wo sich die Bauernschaften Brüddewarden und Klein-Eckwarden befanden (und auch heute noch auf manchen Karten statt der Ortsbezeichnung „Waddens“ so genannt sind), wurde nach dem Bau der St.-Marcellinus- und Petruskirche im Jahr 1696 Neu-Waddens aufgebaut. Der alte Ort liegt einige Meter vor der heutigen Deichlinie tief im Watt und ist längst nicht mehr sichtbar. Waddens ist durch die Landwirtschaft geprägt. Bis in die 1970-er Jahre hinein wurde der kleine Hafen in Waddensersiel noch von Granat- und Fischkuttern genutzt; heute ist der Hafen verlandet.

Gegen elf sind wir in Burhave, erst im Ort und danach am Campingplatz vor dem Deich mit einer großen Wiese für Wohnmobile vor der Schranke. Anmelden und einparken sind im Nullkommanix erledigt. Mit der überaus freundlichen Empfangsdame hinter dem Tresen klappt das wahrhaftig reibungslos. Dann steht der Troll auf gepflegtem Grün mit der Schnauze zum Watt. Von oben macht das Tagesgestirn seinem Namen alle Ehre und schickt ganze Heerscharen von Strahlen zum Planeten Erde. Und damit das Himmelsblau nicht eintönig wirkt, ziehen weiße Haufenwolken ihre Bahn. Dazu bläst ein frischer Wind, ein sehr frischer sogar. Sturm im Anfangsstadium, könnte man sagen. Ein Glück, dass wir unsere Winterjacken mitgenommen haben. Die dicken, gesteppten samt Pelzkragen. Genau richtig für diesen ,,Frühlingstag“ Mitte April mit Handschuhwetter

Wir, das heißt meine Ingrid und ich, raffen uns zum Spaziergang ins Dorf auf. Zwei Kilometer sind’s zum Zentrum. Das müssen wir uns bei diesem Wind und den Dezembertemperaturen nicht antun. Also schenken wir uns eineinhalb Kilometer und beschränken uns auf die Touristenmeile hinterm Deich. Weil Calle nicht gern allein bleibt, kommt er natürlich mit. Wird wie wir  kräftig durchgeblasen. Nach wenigen Minuten sind wir in der Straße mit den Geschäften voller  Andenkenramsch, den eigentlich niemand braucht und der trotzdem die Frauen und Männer hinter den Ladentresen ernährt. Machen kehrt, als wir die große Ferienhaussiedlung erreichen. Ein Gebäude wie das andere. Aus rotem Klinker. Zum Teil mit dekorativem Giebel. Richtig schick. Offensichtlich auf dem Reißbrett geplant. Wer hier urlaubt, muss sich die Hausnummer merken, sonst könnte er beim Heimkommen leicht vor der falschen Tür stehen. Dann geht’s zum kurzen Spaziergang vorm Deich. Genug durchgeblasen, Kehrtwende, zurück zum Troll und damit in die Wärme. Und wie immer, wenn wir zur Nordsee kommen, ist das Wasser gerade weg. Erst gegen Abend können wir uns im Licht der langsam untergehenden Sonne an Wellen mit kleinen Schaumköpfen erfreuen. Wenn’s Wetter so bleibt, wollen wir morgen noch einen Tag Burhave anhängen.