Herbstliches Wohnmobiltreffen

am Silbersee
Im hessischen Frielendorf wird Tourismus groß geschrieben
Der Sommer ist vorbei. Der Herbst hat Einzug gehalten. Die Quecksilbersäule des Thermometers erreicht bei weitem nicht mehr die Höhe wie vor einigen Wochen. Höchste Zeit, den Troll noch einmal in Bewegung zu setzen, bevor er in die Winterruhe an unserem Haus entlassen wird. Klaus Ramerth hat eingeladen. Zum Gruppentreffen am Silbersee in Frielendorf/Hessen. Vom 30. September bis zum 3. Oktober. Auf den Wohnmobilpark rund 400 Meter vom See entfernt. Versteckt hinter einem Wäldchen. Man kann den See von dort aus zwar nicht sehen, bleibt dafür aber auch vom Freizeittrubel verschont. Wir sind dabei. Starten am Sonnabendmorgen in aller Ruhe. Die vor uns liegenden 360 Kilometer sind zu fast hundert Prozent auf der Autobahn ,,abzuspulen“. Erst auf der A 27, dann auf der A 7. Bis zur Abfahrt Richtung Homberg/Efze.
Kein Problem – denke ich. Bis Hannover läuft auch alles gut. Doch dann beginnt das alte Spiel mit den Baustellen. Mal Stop-and-go, mal mit Schrittgeschwindigkeit. Dazwischen einige Kilometer freie Fahrt. Dann kommt die nächste Baustelle. Aus den geschätzten drei Stunden werden am Ende mehr als fünf, bis wir unser Ziel erreichen. Die Wiesenfläche mit geschottertem Rundweg bietet rund 50 Mobilen Platz. Und obwohl die Saison der Womofahrer fast vorbei ist oder ,,in den letzten Zügen liegt“, ist der Platz recht gut besetzt. Wir sind die letzten Ankömmlinge in der Stellplatzführer-Gruppe.

Auf uns warten Sommerrodelbahn mit Biergarten, Bade- und Angelstelle, Ferienpark mit Gastronomie am See, ein familiengerechtes Wellness-paradies, Indoor-Spieleland, Kletterpark, Minieisenbahn und Kutschfahrten sowie jeden Morgen der rollende Supermarkt von Nachtwey. Der bringt neben frischen Brötchen alles, was Womofahrer so zum Leben in der Natur brauchen. Von frischen Backwaren über Fleischerei-produkte bis hin zum Mehl für einen selbst gemachten Pfannkuchen. Klaus hat außerdem ein Angebot vorbereitet. Bei ausreichend Teilnehmern einen Brennereibesuch. Und als kulinarischen Höhepunkt für den Sonntagabend ein Menue mit Schwälmer Wurstspezialitäten kalt (Stracke, Blut- und Leberwurst, Schwartenmagen), Griebenschmalz, Butter und frischem Holzofenbrot. Wem das nicht zusagt, der kann es sich mit Bauernschmaus-Auflauf (Bratkartoffeln mit Speck, Ahle Wurscht, Zwiebel und Rührei) oder Weckewerk mit Dampfkartoffeln und Essiggurke gut gehen lassen.
Die Sonne meint es an diesem Tag gut mit uns. Erst mit aufkommender Dunkelheit öffnet der Himmel seine Schleusen. Doch das ist mir und den anderen Stellplatzführer-Fans egal. Wir sitzen trocken im extra von Betreiberfamilie Althaus aufgebautem Zelt. Und gegen die herbstlich aufkommende Kühle hilft ja ein Glas mit Hochprozentigem von innen und eine warme Decken von außen. Und als Sahnestück für den morgigen Sonntag bietet uns Frank Althaus einen für uns absolut kostenfreien ,,Shuttleservice“ nach Homberg an. Dort gibt’s den alljährlichen Herbstmarkt samt Rämmi-dämmi in der Fußgängerzone.

Homberg-Frielendorf
Die Gemeinde Frielendorf am Rand des Knüllgebirges besteht in ihrer heutigen Form mit 16 Ortsteilen seit dem 1. Januar 1974. Etwa 150 Jahre lang, bis in die 1960-er Jahre, waren Braunkohlebergbau und Brikettherstellung die wirtschaftliche Basis des Kernorts und der umliegenden Dörfer. Frielendorf gehörte zu den bedeutendsten Braunkohlerevieren Hessens. Tagebaugruben prägten das Landschaftsbild. In den 1920-er Jahren arbeiteten zeitweise rund 1400 Menschen im Frielendorfer Bergbau. Insgesamt wurden ca. 26,5 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert und ca. 6,5Millionen Tonnen Briketts hergestellt. Die Marke,,Hassia” war weit über die Region hinaus bekannt. Mit dem Ende des Kohleabbaus begann ein immenser Strukturwandel, von Bergbau und Industrie zum Fremdenverkehr. Kernstück wurde die Umwandlung eines großen Tagebaurestlochs in einen Bade- und Angelsee, den Silbersee, dessen Umgebung inzwischen längst renaturiert ist und um den ein Feriendorf entstand. Bürgermeister Fey und Schirmherr des 11. Hessischen Bergmanns-, Hütten- und Knappentags zum 110-jährigen Bestehen des Bergmannsvereins ,,Glück Auf Frielendorf“ im Juni 2012. Nach dessen Niedergang habe es schlecht für die Gemeinde ausgesehen. Aber der Tiefpunkt habe auch die Chance für einen Neuanfang eröffnet - als Touristen- und Luftkurort. Der Silbersee, entstanden durch den Tagebau, und aufgeschüttetes Gelände, hätten sich in eine idyllische Naturlandschaft entwickelt.

Unmittelbar um den See entstand das gleichnamige Feriendorf, eines der wichtigsten Fremdenverkehrsprojekte im Schwalm-Eder-Kreis. Das Gewässer (mittlere Tiefe 6,7, Maximaltiefe 14,1 Meter, Fläche 8,2 ha) wird als Badesee und als Angelrevier genutzt. Das Wasser wird regelmäßig vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie überprüft. Die Erlebniswelt Silbersee macht mit Badestrand, einem Wellness- und Familienschwimmbad, einem Kletterpark, der Sommerrodelbahn und der Indoor-Spielewelt „Frieloland“ den See zu einem attraktiven Freizeitziel. Das Feriendorf ist bis heute das Kernstück des Tourismus in Frielendorf. Die klimatischen Bedingungen sind gut. Durch die Lage am Rande des Knüllgebirges, das milde Reizklima und die hohe Luftreinheit werden Behandlungen von Atemwegserkrankungen oder Regulationsstörungen begünstigt.

Relikt aus der Vergangenheit: Der Spießturm (auch „Spieskappeler Warte“ genannt) ist ein mittelalterlicher Wartturm, an der Straße zwischen Spieskappel und Obergrenzebach. Er steht an einem Punkt, an dem sich wichtige mittelalterliche Handelsstraßen schnitten, sowie an der einstigen Grenze zwischen Oberhessen und Niederhessen. Im 15. und 16. Jahrhundert fanden am Spieß die Landtage der hessischen Landstände statt. Der Spießturm ist Teil des Frielendorfer Wappens.

Rotkäppchenland
Frielendorf ist eine von 17 Städten und Gemeinden aus den nordhessischen Regionen Schwalm und Knüll, die sich zum Tourismusservice „Rotkäppchenland“ zusammengeschlossen haben. Tradition und Werte verbunden mit dem Leben im modernen Zeitalter, das ist das Rotkäppchenland, heißt es in der Internetwerbung. Und weiter: Die Region hat eine lange und interessante Geschichte mit Meilensteinen der Reformation. Entdecken Sie schöne Altstädte und liebenswerte Dörfer, verwunschene Burgen und geheimnisvolle Türme, herzliche Gastlichkeit und regionale Küche. Kleine und große Rotkäppchen in bunter Schwälmer- Tracht erinnern an die Märchenfigur der Brüder Grimm. Stille Wälder und unberührte Natur – der Märchenwald kann überall im Rotkäppchenland sein. Das Rotkäppchenland ist Teil der GrimmHeimat Nordhessen und liegt an der Deutschen Märchenstraße und der Fachwerkstraße. Frielendorf, Borken (Hessen), Breitenbach am Herzberg, Gilserberg, Homberg (Efze), Kirchheim, Knüllwald, Neuenstein, Neuental, Neukirchen, Neustadt (Hessen), Niederaula, Oberaula, Ottrau, Schrecksbach, Schwalmstadt, Schwarzenborn und Willingshausen gehören dazu.
Es war einmal . . . So fangen bekanntlich alle Märchen an. Aber was einst war und so sagenhaft erscheint, das gibt es laut Eigenwerbung der Region auch noch heute. Die Märchen, Sagen und Geschichten leben danach im Rotkäppchenland weiter. Ein rotes Käppchen tragen auch junge Frauen im Schwälmer Land, wenn sie zu besonderen Anlässen ihre Schwälmer Tracht anlegen. Und so glaubt man gerne, dass die Brüder Grimm in der Schwalm zu dem beliebten Märchen inspiriert wurden. Eine Landschaft, in der man sich gut vorstellen kann, den Märchenfiguren der Brüder Grimm zu begegnen.
Die Märchenerzähler lebten vor rund 200 Jahren in Kassel. Seit 1829 bzw. 1839 waren sie dort Professoren. Aufgrund ihrer Teilnahme am Protest der ,,Göttinger Sieben“ wurden sie des Landes verwiesen. Ab 1840 lebten beide in Berlin. In Nordhessen haben sie viele Vorlagen für die bekannten Märchen gefunden. Eine ihrer wichtigsten Quellen waren die Märchen, die die aus hugenottischer Familie stammende Dorothea Viehmann den Brüdern erzählte. Die Hausmärchen der Brüder Grimm haben als Weltdokumentenerbe der UNESCO internationale Bekanntheit erlangt.

Die farbenfrohe Schwälmer Tracht
Die Frauen trugen unter einem faltenreichen schwarzen Rock mit Bandbesatz je nach Wohlstand bis zu fünfzehn weitere Röcke mit farbigem Bandbesatz übereinander, die stufenweise hervorschauten. Weiße Hemdärmel schauten aus dem eng ansitzenden Mieder. Die buntverzierte Betzel (Häubchen) wurde sonntags auf dem vorne oben auf dem Kopf gebundenen Haarknoten (Schnatz) getragen; beim Abendmahlsgang setzte man eine blaue Ziehhaube aus Tüll darüber. Die Braut trug einen schweren Flitterkopfputz (sie war geschappelt) und das Brett, einen Schulterbehang aus bunten Bändern, dazu goldgestickte Brustbänder und Ecken auf den Hüften. An Größe, Sorgfalt und Üppigkeit der Ausstattung war auch die finanzielle Situation der Trachtenträgerin erkennbar. Manche Teile waren reichen und privilegierten Bauernfamilien vorbehalten. Wichtig waren außerdem die Farben, in denen die Tracht gehalten war. So waren bei den Männern die Westen und bei den Frauen alle Bänder und Verzierungen je nach Alter und Familiensituation verschieden. Die Ledigen trugen Rot als Zeichen der Jugend und der Unverheirateten. Ab der Hochzeit trugen die Frauen Grün und die Männer blaue Westen. Nach der Konfirmation des letzten Kindes trugen die Schwälmer Frauen meist Blau oder Violett und im Alter Schwarz. Diese Regeln waren streng und mussten von allen eingehalten werden.
Schlichter hielten’s dagegen die Männer. Sie trugen werktags einen blauen Kittel und dunkle Kniehosen, sonntags weiße Kniehosen, einen schwarzen Kirchenrock und Dreimaster. Dass es selbst in Übersee Liebhaber der Schwälmer Tracht gibt, liegt an den Brüdern Grimm. Obwohl es keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, soll ein junges Mädchen mit roter Betzel die Brüder Grimm zum Märchen von Rotkäppchen animiert haben, sagt die Überlieferung. Richtig ist allerdings, dass das Märchen älter als die Tracht ist und seinen Ursprung nicht in der Schwalm hat.

Doch nicht nur in der Rotkäppchenwoche (2017 vom 23. bis zum 30. Juli) geht es im Rotkäppchenland märchenhaft zu: Das Märchenhaus in Neukirchen kann man (fast) täglich besuchen, ebenso den Wolf im Wildpark Knüll. In Homberg (Efze), Knüllwald und Schwalmstadt gibt es Märchenfiguren zu entdecken. Und auch die Burgen und Schlösser im Rotkäppchenland versprechen spannende Geschichten. Wissenswertes über die Schwälmer Tracht, die das Rotkäppchen trägt, finden Besucher im Museum der Schwalm. In Ottrau-Weißenborn steht das Ahnhaus der Brüder Grimm am Kulturhistorischen Wanderweg und im Malerdorf Willingshausen hat Ludwig-Emil Grimm Spuren hinterlassen.

Tradition und Gastlichkeit werden groß geschrieben
„Ahle Wurscht“, oder auch „Stracke“ genannt, ist die Spezialität schlechthin. Dicke Schwälmer Klöße und Kartoffelwurst sind ebenfalls lecker. Mancherorts gibt es noch alte Backhäuser, wo Brot nach traditioneller Rezeptur gebacken wird. Duftend warmer Kartoffelplatz oder Blech-kuchen direkt aus dem Ofen lassen Kindheitserinnerungen aufkommen. Tradition und Gastlichkeit werden im Rotkäppchenland groß geschrieben.
Im ,,Ahle Wurscht Shop“, dem Portal für nordhessische Ahle Wurscht, ist nachzulesen, welche Geschichte diese Spezialität hat: Nordhessen war einmal armes Bauernland, zum Teil mit Bergbau und anderer Kleinindustrie der Gründerzeit. Einige Dörfer sind wie Frielendorf aus dem Bergbau heraus entstanden. Es gab in diesem Bergland also außer Bauern auch sehr viele sogenannte ,,Häusler“, d.h. Leute, die z. B. im Bergbau und in der Industrie arbeiteten, aber zur Selbstversorgung zwei Ziegen und ein Schwein hielten. Diesen Menschen ist es zu verdanken, dass es die Ahle Wurscht überhaupt gibt. Denn Milchwirtschaft hatte zwar Tradition, aber Käse gab es in Nordhessen nie. In Nordhessen hieß Vorratswirtschaft also immer: Luftgetrocknete Wurst machen.

Im Spätherbst war Schlachtefest - das Schwein war fett. Also wurde es geschlachtet: Es gab genug zu essen: Schlachtesuppe, Wellfleisch, Innereien, Weckewerk. Alles, was nicht gut zum Wursten war, wurde relativ bald gegessen. Eine fette Zeit. Die Ahle Wurst wurde aus einem ganz einfachen Grund gemacht: es gab noch keine Kühlschränke, Gefrierschränke oder auch nur Weckgläser. Die traditionelle Methode hieß Lufttrocknung. Die Hausschlachter zogen in dieser Zeit von Haus zu Haus und erledigten die fachgerechte Schlachtung und, unter Mithilfe der ganzen Familie, die Verwertung des Schweins. Dabei wurden verschiedene Kaliber gefüllt: Die ,,Dürre Runde“ mit einem Frischgewichtvon ca. 600 g, um in etwa drei Monaten gegessen zu werden. Die Stracke (Strack = gestreckt, die Gerade also in Gegensatz zur Runden) mit einem Frischgewicht von rund 1100 g, zum Verzehr ab sechs Monaten gedacht. Und die Ahle Wurscht in der ,,Schmerhaut“, die bis zu einem Jahr hing und trocknete, dank ihres großen Kalibers mit einem Frischgewicht bei Füllung von zwei Kilo. Da die Wurst beim Hängen in der Lehmkammer immer älter wurde, hieß sie einfach ,,Ahle Wurscht“. Ahl = alt im Dialekt.

Die Wurstekammer ist eines der Geheimnisse der Ahlen Wurscht. Hat man oder hat man
nicht - so etwas baut heutzutage keiner mehr: Eine große Scheune, mit Lehmgefachen ausgefülltes Fachwerk. Der Lehm ist die klimaregulierende Instanz - wenn es sehr feucht ist, nimmt er auf, wenn es trocken ist, gibt er Feuchtigkeit ab. So wird die Wurscht im Sommer und im Winter auch immer etwas anders.
Traditionell wird der in der Wurstekammer vorkommende Schimmel abgewaschen - und am Anfang der Reifung, wenn das Mett noch sehr feucht ist, muss das auch so sein. Später, wenn die Wurst trocken gebürstet statt nass gewaschen werden kann (was die meisten Fleischer tun), kann der weiße Edelschimmel bleiben. Er schützt vor dem Befall durch andere Schimmelkulturen, ähnlich wie beim Camembert. Auch trägt er zu den Reifearomen der Ahlen Wurst bei, den sog. Tertiär-Fleischreifungs-Aromen, die für lange gereifte (mindestens sechs Monate) Ahle Wurst typisch sind.
Eine Ahle Wurscht hat ihr Leben lang in einer Wurschtekammer gehangen. Dort wird es im Winter mal zwei Grad, im Sommer auch mal 20 Grad warm. Wenn die Ahle Wurscht fertig ist, das heißt bei den kleinen mit zwei bis drei Monaten und bei den großen Stracken mit vier bis sechs Monaten die Location wechselt und in die Küche kommt: Auf keinen Fall in den Kühlschrank verbannen. Das ist der Wurst viel zu trocken. Und kalt braucht sie´s ja nicht, denn sie ist ja keine Frischware, sie ist ja schon lange luftgetrocknet. Falls man eine Ahle Wurscht bekommt (z. B. als Geschenk . . .) und diese ist nicht richtig hart - einfach aufhängen und abwarten. Speisekammer, Küche (wenn unter 25 Grad), oder ähnliches. Falls sich Schimmel bildet: trocken abbürsten. Im Bild kann man sehen, wie man Rest-Würste am besten lagert: Mit dem Anschnitt nach unten. Diese Wurscht hat kein Haltbarkeitsdatum, kein ,,best before“ - sie hält einiges aus - und wird dabei einfach – ahler . . . Sie ist: ,,best after“.