Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, lacht mir die güldene Oktobersonne ins Gesicht. Keine Wolke am Himmel. Pünktlich um neun kommt der rollende Supermarkt von Nachtwey und bringt nicht nur mir frische Brötchen fürs Sonntagsfrühstück. Danach gibt’s ein Plauderstündchen in der Runde unter blauem Himmel. Bis in der Mittagszeit Frank Althaus mit seinem Bus und einem zusätzlichen Taxi die Gruppe zur Fahrt ins benachbarte Homberg einlädt. Zehn Minuten später bin ich mitten im Getümmel des Herbstmarkts. Einer von Hunderten – ach was sage ich – einer von Tausenden von Besuchern in den engen Straßen der Altstadt. Bummeln, Einkaufen und Live-Musik ist beim verkaufsoffenem Sonntag angesagt.
Also bummele ich, gönne mir einen echten Schwälmer Kloß, genieße beim Kaffee am Marktplatz das bunte Treiben. Besuche die beiden Kälbchen, die am Rande des Trubels leicht irritiert in die Menschenmenge gucken. Sehe den Korbmachern und Holzrechenherstellern bei ihrem Handwerk zu und versuche, außer Hörweite der jungen, dreiköpfigen fleißigen Band am Marktplatzrand zu kommen. Offensichtlichsind meine Trommelfelle inzwischen zu alt, um dem Gewummere der Bässe noch Positives abzugewinnen. Im Schatten der Marienkirche geht’s weiter. Vorbei an Ständen mit Delikatessen der Region. Vorbei an Schwälmer Spezialitäten & me(h)er. Vorbei an frischer Roter und Kartoffel-Wurst, an Ahle Wurscht und Stracke. Vorbei an Kinderkarussell und Imbissständen. Minuten später treffe ich auf eine  fünfköpfige Musikantengruppe in Tracht. Hier wird geblasen, was die Lungen hergeben. Trompete, Saxophon, Schlagzeug und Tuba machen hier Musik. Und was für eine. Da fangen auch meine alten Füße an im Takt zu wippen. Als krönenden Abschluss des Marktbesuches entere ich mit den Stellplatzführer-Fans die Waggons der Salzschlirter Bimmelbahn zur kurzen Rundfahrt.
Und – ich hätte die Uhr danach stellen können – trifft Frank Althaus zur abgemachten Zeit mit seinem Bus und der Taxe am verabredeten Treffpunkt ein, um uns zurück zum Stellplatz zu bringen. Hierfür gebührt ihm an dieser Stelle ein ganz, ganz herzliches Dankeschön. Ein weiteres dickes Dankeschön geht an ihn für das uneigennützig aufgebaute, von ihm bezahlte Partyzelt, das nach diesem Treffen für weitere Dates eingelagert wird. Solche Stellplatzbetreiber wünsche ich mir eigentlich zwischen Alpen und Nord- und Ostsee, zwischenniederländischer/französischer Grenze und den Nachbarn im Osten der Republik. An allen drei Tagen ist er mir wie allen anderen Gästen des Platzes mit einer Freundlichkeit, mit einer Herzlichkeit begegnet, die ihresgleichen sucht.
Der Sonntag klingt wie im ,,Programm ohne Programm“ angekündigt im Zelt mit dem Menü aus Schwälmer Wurstspezialitäten und mit einem Bauernschmaus-Auflauf aus. Erst spät am Abend geht’s danach in die Koje.

Homberg (Efze)
„Es war einmal Brüderchen und Schwesterchen“, so beginnt das Märchen, das auch in Homberg seit jeher erzählt wird und auf dem Marktplatz sogar als Geschwisterpaar einen Brunnen ziert. Auch dieses Märchen stammt von den Brüdern Grimm, die die nordhessische Region als ihre Heimat bezeichnet haben. Homberg feiert einmal im Jahr Ende August einen Familien- und Märchentag. Die Region Schwalm-Knüll ist Mittelpunkt im „Rotkäppchenland“ in der „GrimmHeimat Nordhessen“ mitten in Deutschland. Homberg liegt am Schnittpunkt zwischen A7, A49, A4 und A5 auf halber Strecke zwischen Skandinavien und den Alpen. Hat man die Kasseler Berge oder von Süden das Kirchheimer Dreieck hinter sich, dann öffnet sich nach Westen eine weite, von Land- und Fortwirtschaft betonte Beckenlandschaft. Mittendrin der gewaltige Felsklotz mit der uralten Festung Hohenburg. In deren Schutz entwickelte sich das Fachwerkkleinod Homberg als Kreisstadt und Mittelzentrum. Homberg ist die Reformationsstadt, in der 1526 für ganz Hessen durch Landgraf Philipp dem Großmütigen die Reformation eingeführt wurde. Homberg gilt als „Fachwerkkleinod Nordhessens“ und als Stadt zwischen Reformation und Moderne. Die Fachwerkstadt bildet das Tor zum Knüllgebirge. Diese Mittelgebirgslandschaft, die als „Kurhessisches Bergland“ bezeichnet wird, ist als Erholungs- und Urlaubsgebiet beliebt. Sie liegt nur 30 Kilometer von Kassel entfernt. Homberg bildet als Kreisstadt des Schwalm-Eder-Kreises das Mittelzentrum, in dem heute über 16.000 Einwohner in 20 Stadtteilen leben.
Eine ereignisreiche Historie hat diese moderne Stadt erlebt: Die Entwicklungen vergangener Jahrhunderte hat ihr Bild und die sie umschließende Landschaft geprägt und auch bekannt gemacht. Homberg steht nicht nur bei Insidern als Inbegriff für ein voll erhaltenes mittelalterliches Stadtbild. Eine Führung durch Stadt und Stadtkirche sowie ein Besuch hoch oben in der Türmerwohnung lässt alte Geschichte wieder lebendig werden.
Der Stadtname leitet sich von dem früheren Rittergeschlecht „derer von Hohenberg“ ab, das auf der Höhe des heute inmitten der Stadt liegenden Basaltkegels eine Burg besaß. Die Burg wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. In der heutigen Burganlage, von der aus man einen herrlichen Blick über die gesamte Region hat, liegt der tiefste ausgemauerte und beleuchtete Basaltbrunnen Deutschlands (150 Meter). Auf der Burg lebte einst ein Burgfräulein, das auch heute noch einmal im Jahr auserkoren wird, umdie schöne Fachwerkstadt zu repräsentieren.

Als Gründung der hessisch-thüringischen Landgrafen wird das Gemeinwesen als Stadt erstmalig 1231 urkundlich erwähnt. 2006 feierte sie ihr 775-jähriges Jubiläum. Die Siedlungsgeschichte ist jedoch viel älter. Das Bild Hombergs wird noch heute von der Marienkirche geprägt, die als eine der größten gotischen Hallenkirchen im hessischen Raum Geschichte gemacht hat. 1526 war das Jahr, ein Ereignis, das maßstabgebend für Hessen wurde: Die Reformation für ganz Hessen wurde am 21. und 22. Oktober 1526 in der Marienkirche entschieden und eingeführt. Aus dem Jahr 1893 existiert ein Kirchenfenster, das ein Bürger stiftete und das Bezug auf dieses historische Ereignis nimmt. Rechts im Hauptportal finden wir noch heute, im Turm eingelassen, eine weiße Sandsteintafel, die 1904 zum 400. Geburtstag des hessischen Landgrafen angebracht wurde. Diese Synode war gleichzeitig der erste Versuch, auf Anregung des Landesfürsten Landgraf Philipp des Großmütigen ein ganzes Land mit allen Repräsentanten seiner Bevölkerung an einer grundsätzlichen Glaubensentscheidung teilnehmen zu lassen.

Der Montagmorgen begrüßt mich mit ,,Am Tag, als der Regen kam“. Schon in der Nacht beginnt es zu plätschern. Beim Hellwerden zeigt sich der Himmel Grau in Grau. Regenverhangen erkenne ich die Umrisse der umliegenden Höhen des Rotkäppchenlandes. Mal kommt das Nass ganz dünn von oben, dann gibt’s dichte Schauer. Dazwischen Pausen. Feuchte Luft, würde ich sagen. Kaum denke ich ,,Nun ist’s vorbei“, beginnt es wieder von Neuem. Erst in den Nachmittagsstunden lässt es nach. Richtige ,,Trockenphasen“ beginnen. Sogar die Sonne traut sich hervor. Doch nun ist’s zu spät, um noch etwas zu unternehmen. Also ist heute ,,Abhängen“ angesagt. Schöner hört sich aber ,,Premiumtag“ an, auch wenn er dasselbe bedeutet. Morgen, am Dienstag, geht’s auf Heimreise.Nicht direkt. Mit einem kleinen Umweg über Bad Pyrmont und Bad Salzuflen. Eigentlich hatte ich Waldeck, Naumburg/Hessen samt Weidelsburg, Wahlsburg-Lippoldsberg, Holzminden und Steinhude auf dem Rückreiseplan. Das lasse ich angesichts des inzwischen herbstlichen und sehr rauen Wetters sausen.

In der Nacht kommt jede Menge Wasser von oben. Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet. Offensichtlich alle. Das hört erst in den Morgenstunden auf. Aber dunkle Wolken dräuen immer noch über den Bergen. Dazwischen lässt sich immer wieder mal die Sonne blicken. So wie’s aussieht, wird es wohl über den ganzen Tag weitergehen. Also wechselhaftes Wetter, Regen mit Pausen. Und weil wir erst in den späten Vormittagstunden den Platz verlassen, plane ich noch einmal um. Bad Pyrmont wird gestrichen. Wenn wir dort erst am Nachmittag ankommen, macht ein Stadtbummel, ein Gang durch den Kurgarten eigentlich keinen Sinn mehr. Statt Palmengarten und Wandelhalle entscheide ich mich für einen Kaffee-Besuch bei meiner Cousine in Naumburg/Hessen. Das macht mehr Sinn. Und ich bin sicher, sie freut sich. Das Navi wird umgepolt und los geht’s. Gegen Mittag sind wir in der Stadt, in der noch ein Teil der alten steht, viele Fachwerkhäuser erhalten sind und die Weidelsburg in Sichtweite ist. Hier habe ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht, bin einige Jahre zur Schule gegangen. Hier habe ich den Einzug der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges erlebt. Erst die Russen und Polen, dann die Amerikaner. Habe die erste Tafel Schokolade zu Weihnachten erhalten und die erste Apfelsine in meinem Leben gegessen.
Schnell, viel zu schnell vergeht die Zeit beim Erzählen. Von den Erlebnissen von früher und der Familie von heute. Dann starte ich den Troll erneut. Übernachten wollen wir in Bad Salzuflen. Wie vermutet, gibt’s unterwegs mal Sonnenschein, mal Regenschauer. Ich meide die Autobahn (weil’s auch keinen Sinn macht) und steuere über Land- und Bundesstraßen den Wohnmobilplatz Flachsheide am Forsthausweg an. Unterwegs sind etliche Bauern dabei, ihre Ernte von Feld zu holen. Per Trecker mit Hänger. Die bringen vom Acker in den Reifenprofilen auch jede Menge roten Lehm-/Tonboden mit auf die Straße. Und der verteilt sich aufgrund des nassen Untergrunds als schmierige Masse auf der Teerdecke. Wirbelt als feiner „Sprühregen“ hinter unserem Troll auf die nachfolgenden Pkw und durch die entgegenkommenden Fahrzeuge vor uns über die Trasse auf unseren eigenen Wagen. Wie leicht „gepudert“ sieht anschließend unsere Außenhaut aus.