Neben den vielen Fachwerkhäusern finden sich rund um das historische Rathaus eine kleine Gruppe beachtenswerter Steinbauten aus der Renaissance. Das 1545–1547 erbaute Rathaus wurde sowohl für die Bedürfnisse der Verwaltung als auch zur Repräsentation gebaut. Trinkstube, Hochzeits-, Tanz- und Zunfthaus, Gerichtszimmer, Parteienstube und Aktenkammer, Feuerwehr-Geräteraum und Munitionszimmer für die Schützen, Lagerräume für Leinen und Zehntkorn: Alles unter einem Dach vereint. Insgesamt befinden sich in der Innenstadt von Bad Salzuflen etwa 60 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser und prachtvolle Steinbauten aus der Renaissance, weitere in den Stadtteilen. Heute sind nur noch vereinzelt Teile der Stadtmauer zwischen dem Haus Osterstraße 46 und der Otto-Künne-Promenade, sowie in der Mauer- und der Turmstraße mit dem Katzenturm erhalten. Der Name des Turmes ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf dasmittelhochdeutsche Wort „Katte“ zurückzuführen, was so viel bedeutet wie Schanze. Zeitweise nannte man den Katzenturm auch „Diebesturm“, weil hier Gauner und Diebe in einer Arrestzelle ihre Strafe absitzen mussten. Dieser Wehrturm war ein wichtiger Teil des mittelalterlichen Frühwarnsystems am höchsten Punkt der Stadtbefestigung gelegen mit direkter Sichtverbindung zum Stumpfen Turm.

Den Tag beschließt – wie könnte es anders sein – das „perfekte Dinner“ in Vox. Draußen ist es herbstlich kalt geworden. Drinnen sorgt Heizung für eine angenehme Temperatur. Der Wetterbericht im Ersten kündigt für morgen wechselhaftes Wetter an. Das hatten wir eigentlich in den vergangenen Tagen genug. Nun könnte sich der Oktober auch einmal von seiner ,,goldenen“ Seite zeigen.
Nach Einbruch der Dunkelheit fängt es an windig zu werden. Von oben kommt ein Guss nach dem anderen. Und der Wind frischt immer weiter auf. Es stürmt und regnet. Da freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, stürmt und regnet es auch. Draußen reißen sich die Blätter von den Bäumen los. Fliegen kleine Äste über den Platz. Hatten wir alles in den vergangenen Tagen. Das regt mich nicht mehr auf. Orpheus nimmt mich in seine Arme. Ich schlafe den Schlaf der Gerechten. Stehe nur einmal auf, weil mich die Blase drückt.
Als ich aufwache, stelle ich fest, dass auch dieser Tag von „golden“ weit entfernt ist. Die Temperatur ist gefühlt unter Null, in der Realität aber nur wenige Grade drüber. Handschuhwetter im wahrsten Sinne des Wortes. Und weil ich gestern Abend vergessen habe, den Akku meines Konzentrators für Sauerstoff aufzuladen, geht’s erst kurz vor Mittag in Richtung Altstadt und Fußgängerzone. Weil wir zur Bushaltestelle in die „falsche“ Richtung marschieren, müssen wir nach steilem Aufstieg zur Straße rund 300 Meter zurücklegen. Das ist zwar nicht viel, für mich mit  Atemnot aber mehr als eigentlich sein müsste. Die richtige Haltestelle für den Stadtbus liegt nämlich nur wenige Meter vom Ausgang des Platzes entfernt. Ist aber von dort leider nicht einzusehen.

Die nur Minuten dauernde Fahrt mit dem Stadtbus zum Zentrum Salzuflens – dort wo das Leben pulsiert – gibt’s aufgrund der Gästekarte zum Nulltarif. Wir tauchen ein in die Schar der Bewohner, in die Massen der Kurenden und die um diese Jahreszeit wenigen Touristen. Bummeln an den Schaufenstern entlang. Bestaunen die prächtigen Fassaden der alten Häuser. Gönnen uns einen Cappuzzino (mit Sahne) und haben schneller als uns lieb ist eiskalte Hände. Zum Glück bleibt es trocken. Einkehren zum Aufwärmen in eine der Gaststätten außerhalb der Fußgängerzone ist kaum möglich. Die haben fast alle geschlossen. Die Saison ist wohl vorbei. Der eiskalte Wind verhindert eine längere Pause auf einer der zahlreich vorhandenen Bänke. Nach knapp drei Stunden haben wir genug. Wir drehen um. Erkundigen uns bei zwei Kontaktbeamten in der blauen Uniform (Dein Freund – dein Helfer) nach der nächsten Bushaltestelle und sind am frühen Nachmittag wieder beim Troll. Meine Ingrid und ich sind ein bisschen enttäuscht von Bad Salzuflen. Wir hätten hier in der warmen Jahreszeit einen Stopp einlegen sollen. Im Sonnenschein und bei Wohlfühltemperatur sieht alles viel freundlicher aus. Morgen geht’s in Richtung Heimat.

Schon in der Nacht setzt wieder heftiger Regen ein. Ein kalter, kräftiger Wind weht über den Platz. Ich verzichte aufs Grauwasserentsorgen, lasse auch die Toilettenkassette an ihrem Platz. Das kann ich Zuhause bei hoffentlich besserem Wetter nachholen. Unsere Heizung sorgt im Troll für eine angenehme Temperatur an diesem ungemütlichen Oktobermorgen. Meine Ingrid sorgt fürs Frühstück. Wir lassen uns Zeit. Die letzten rund 170 Kilometer bist in den Heimathafen schaffen wir leicht. Aber irgendwann ist auch ein gemütliches Frühstück zu Ende. Schnell das Stromkabel abgeklemmt, verstaut und ab geht die Post. Schon nach den ersten Kilometern zeigt sich, dass dies ein mehr als ungemütlicher Herbsttag wird. Heftige Schauer klatschen auf die Frontscheibe, ein ausgewachsener Sturm reißt nicht nur Blätter vom Straßenbegleitgrün (das ist der Fachausdruck des Straßenbauamtes für Bäume und Sträucher am Fahrbahnrand), sondern schleudert auch kleine und größere Äste auf die Trasse. Glück für mich, dass ich durch wenig Gegenverkehr immer rechtzeitig ausweichen kann. Und noch einmal Glück für mich, dass es mir nicht so ergeht, wie anderen Autofahrern in Norddeutschland.
Im NDR-Text liest sich das so: „Durch das Sturmtief ,Xavier’ sind deutschlandweit mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Allein in Brandenburg starben drei Menschen in ihren Fahrzeugen und ein weiterer, als er Äste von der Straße entfernen wollte. In Hamburg wurde eine 54-jährige Frau getötet, als ein Baum auf ein Auto fiel. Das Opfer hatte als Beifahrerin im Wagen gesessen. In der Nähe von Schwerin wurde ein Lastwagenfahrer von einem umstürzenden Baum erschlagen. Auch in Berlin-Tegel stürzte ein Baum auf ein Fahrzeug und tötete eine Frau. Zahlreiche Menschen wurden verletzt - einige von ihnen lebensgefährlich. Polizei und Feuerwehr rückten zu Hunderten Einsätzen aus. Die Rettungskräfte forderten die Menschen auf, sicherheitshalber zu Hause zu bleiben. Die Deutsche Bahn stellte aus Sicherheitsgründen in ganz Norddeutschland und weiten Teilen Ostdeutschlands den Zugverkehr vollständig ein. Auf zahlreichen Strecken stürzten Bäume und Äste auf Schienen und Oberleitungen. Die Schäden dürften in die Millionenhöhe gehen.“
Wir drei - meine Ingrid, unser Zwergdackel Calle und ich – kommen zwar nach ziemlichem Überschreiten der am Morgen geschätzten Fahrzeit mit einem außen richtig eingesautem Troll aber heil und unbeschadet in Steden an. Vielleicht ist’s für unser rollendes Ferienhaus die letzte Tour in diesem Jahr. Vielleicht gibt’s aber wirklich noch ein paar Tage „goldenen Oktober“. Dann geben wir ihm noch einmal die Sporen. Warten wir’s ab.