Von der Wiege der Weser bis nach Bodenwerder

Drei Städte, zwei Wanderärzte und der Meister der Fabulierkunst

,,Wo Werra und Fulda sich küssen, sie ihren Namen büßen müssen. Und hier entsteht durch diesen Kuss, deutsch bis zum Meer, der Weserfluss.“ Diesen am 31. Juli 1899 in Stein gehauenen Satz, musste ich mir als Schulkind einprägen . . . und habe ihn bis heute behalten. Gestiftet wurde der 70 Zentner schwere Brocken 1899 vom Mündener Unternehmer Carl Natermann und seinem Sohn, der auch den bekannten Spruch dichtete. Der aus Süßwasserquarzit bestehende Stein ist seitdem Anziehungspunkt für Sehleute, die den Geburtsort der Weser, die nach mehr als 450 Kilometern bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, besuchen möchten. Rechts: Nur wenige Meter neben dem Weserstein von 1899 steht seit 2000 ein neuer. Auf ihm ist eine Inschrift, auf dem Nedko Solakov auf humorvolle Weise über den Zusammenfluss von Fulda und Werra berichtet. Die Installation des neuen Wesersteins erfolgte im Rahmen eines Außenprojekts der EXPO 2000 in Hannover. Der alte und der neue Weserstein befinden sich am Rande des Wohnmobilstellplatzes Tanzwerder am Zusammenfluss von Werra und Fulda, wenige Gehminuten von der Hann. Mündener Altstadt entfernt.

Dr. Eisenbarth Und noch etwas geht mir nicht aus dem Sinn, wenn ich an Hann. Münden denke: Dr. Eisenbarth, einer der berühmtesten Wanderärzte der Barockzeit, und der Spruch „Ich bin der Doktor Eisenbarth, kurier die Leut’ nach meiner Art . . .“ Johann Andreas Eisenbarth (auch Eisenbart, Eysenbart, Eysenparth) wurde am 27. März 1663 in Oberviechtach geboren; starb am 11. November 1727 in Münden und war ein deutscher Handwerkschirurg, der durch seine Heilerfolge als Wundarzt und Starstecher landesweit großen Ruhm erlangte. In Preußen wurde er wegen seiner augenärztlichen Leistungen vom „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. zum Hofrat und Hof-Augenarzt ernannt.

Um Dr. Eisenbarth – und nicht nur ihn – zu erleben, haben wir uns eine Woche Zeit genommen. Geholfen und schlau gemacht hat uns für diese interessante Tour u. a. die Seite der ,,Erlebnisregion Hann. Münden“, Historisches Weserbergland, Wikipedia und der ,,Weserbergland Tourismus“. Dafür herzlichen Dank.
Heute ist Johann Andreas Eisenbarth vor allem deshalb bekannt, weil rund 70 Jahre nach seinem Tod ein Göttinger Student, von dem nur der Biername Perceo („Zwerg“ bzw. „Kleinwüchsiger“) überliefert ist, ein Trink- bzw. Spottlied verfasste. Als Studentenlied machten Text und Melodie ab ca. 1800 in zahlreichen Abwandlungen die Runde durch die Studentenverbindungen der deutschen Universitäten. Darüber ist weitgehend in Vergessenheit geraten, dass die chirurgischen Eingriffe von Johann Andreas Eisenbarth noch 25 Jahre nach seinem Tod durch den Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie in Deutschland, Lorenz Heister, als mustergültig gewürdigt wurden.

Eisenbarth wurde zwischen 1686 und 1715 von zahlreichen Landesherren mit Privilegien ausgestattet, die es ihm ermöglichten, als Landarztv „in einem zusammenhängenden Gebiet von – selbst für heutige Begriffe – ungeheurem Ausmaß tätig zu werden, ohne bei seiner Reisetätigkeit von Landesgrenzen behindert zu werden und damit ohne die sonst üblichen Zölle für seine mitgeführten Arzneimittel zahlen zu müssen.“ Dies ermöglichte es ihm, die rund 20 in seiner Magdeburger Manufaktur produzierten Heilmittel so gewinnbringend zu vertreiben, dass er zeitweise mit 120 Helfern von Ort zu Ort ziehen und als einer der ersten Ärzte in Deutschland Flugblätter und in Zeitungen Inserate als Werbemittel nutzen konnte. Der junge Eisenbarth wurde wie damals üblich am Tag seiner Geburt in der katholischen Pfarrkirche S. Johannis Baptistae (St. Johannes des Täufers) in Oberviechtach in der Oberpfalz getauft. Er war das dritte Kind seines Vaters, des Bruchschneiders (Chirurg für Leistenbrüche) und Okulisten (Augenarzt) Matthias Eisenbarth (1627–1673) und dessen Ehefrau Maria Magdalena geb. Schaub. Sein Großvater Wilhelm Eysenbart (um 1588–1646) stammte vermutlich aus Unterkochen und war als Spitalknecht (Arbeiter in einem Alten- und Armenhaus) in Dinkelsbühl beschäftigt. Durch seine Nebentätigkeit als Sauschneider sowie – laut Angaben von Johann Andreas Eisenbarths Vater – als Chirurg kam Wilhelm Eysenbart zu einigem Wohlstand. Unmittelbar nach dem frühen Tod seines Vaters wurde Johann Andreas 1673 – im Alter von zehn Jahren – in die Obhut seines Schwagers Alexander Biller, des Gatten einer älteren Schwester, gegeben. Biller praktizierte damals in Bamberg als Okulist, Steinschneider und Bruchschneider. Aufgrund der verwandtschaftlichen Beziehungen musste die nach dem Tod ihres Mannes mittellos zurückgebliebene Mutter für Johann Andreas kein Lehrgeld für dessen Ausbildung in der Kunst des Chirurgen und der Wundarzneikunde zahlen. Anfang der 1690-er Jahre wurde Biller aufgrund seiner guten chirurgischen Leistungen, „in der Churfürstl. Bayerischen Residentz München, verordtneter Landschafft Stadt, undt Hospithal Arzt“.

Unterbrochen von einem halbjährigen Klosteraufenthalt führte Johann Andreas Eisenbarth nach insgesamt zehnjähriger Ausbildung und der anschließend vorgeschriebenen Wanderzeit 1684 in Laufen bei Salzburg sein „Probierstück“ des Handwerkschirurgen vor: ein Starstich bei einem 50-jährigen Mann. (Mit einer Nadel verschob der Arzt die kranke Linse im Auge des Patienten, so dass dieser wieder einen Teil seiner Sehkraft zurückerlangte. Die Kranken wurden bei vollem Bewusstsein operiert; denn der Chirurg wollte einen wachen Patienten vor sich haben, so dass er sich sicher sein konnte, dass der Patient noch lebte.) Nach diesem ,,Probierstück“ blieb Eisenbarth ein weiteres Jahr bei seinem Schwager in Bamberg und ging 1686 nach Altenburg, der Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg. Nach seinem Umzug von Bamberg nach Altenburg arbeitete Eisenbarth zunächst bei dem Handwerkschirurgen-Meister Johann Heinigke, von dem er sich aber bereits ein halbes Jahr später wieder trennte.

Am Marktplatz in Altenburg eröffnete er eine eigene Praxis, was aber – belegt durch einen Denunziationsbrief vom 8. Juni 1686 an den Herzog – umgehend auf die Missgunst seiner schon länger ortsansässigen Kollegen stieß: Zeitlebens verzichtete Eisenbarth auf die Meisterprüfung, vermutlich wegen der hohen Prüfungsgebühren. Dies hatte jedoch zur Folge, dass er auch „später immer wieder Konflikte mit seinen zünftigen Standeskollegen austragen und sich den Prüfungen der Medizinalbehörden stellen“ musste, sich zunächst nirgends als selbstständiger Handwerkschirurg niederlassen konnte und daher gezwungen war, als Wanderarzt umherzuziehen.
In Altenburg trat Eisenbarth am 27. Juni 1686 zum evangelischen Glauben – der Staatsreligion im Herzogtum – über, „vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen“. Mit Erfolg und dank der Unterstützung durch eine wohlwollende Stellungnahme des Stadtrats von Altenburg erteilt ihm Friedrich von Sachsen-Gotha-Altenburg am 26. August 1686 das Privileg, in den Städten und Dörfern des Herzogtums als Okulist, Stein- und Bruchschneider tätig zu werden. Dank dieser herzoglichen Erlaubnis ist zugleich belegt, dass Eisenbarth „in seiner Kunst der Augen-Curen, Stein, Krebß und Bruchschneidens zur genüge erfahren“ war und bis dahin in Altenburg bereits 30 Personen erfolgreich operiert hatte. Die erfolgreiche Überprüfung seiner Operationstechniken durch zwei herzogliche Ärzte, unter anderem bei einem Hodensackbruch, und das herzogliche Privileg hatten zur Folge, dass Eisenbarth nunmehr – wie damals für umherziehende Handwerkschirurgen üblich – auf den Jahrmärkten und mit Bewilligung der jeweiligen Stadtbehörden auf allen Wochenmärkten des Herzogtums seine chirurgische Tätigkeit ausüben und außerdem seine selbstgefertigten Wundsalben verkaufen durfte. Allerdings wurde ihm untersagt, innerlich anzuwendende Arzneimittel zu vertreiben – die Innere Medizin oblag damals allein jenen Ärzten, die ihren Abschluss (den Doktor-Grad) an einer Universität gemacht hatten; umgekehrt betätigten sich diese akademisch ausgebildeten Ärzte nicht als Chirurgen und Wundheiler.

Als herzoglich privilegierter Landarzt konnte Eisenbarth nun mit einem gesicherten Einkommen rechnen. Am 26. August 1686 heiratete er in der Altenburger Brüder-Kirche die Tochter seines Kollegen, Catharina Elisabeth geb. Heinigke. Aus dieser Ehe gingen bis 1706 sieben Kinder hervor, von denen drei Söhne bereits im Kindesalter starben. „Die Paten sind Adelige, hohe Beamte und wohlhabende Bürger“, die das hohe Ansehen belegen, das sich Eisenbarth erworben hatte. Unmittelbar nach der Hochzeit bereiste er die nähere Umgebung von Altenburg und behandelte Patienten in Gera, Haselbach, Saara, Ronneburg, Schmölln und Leipzig, später auch in Zwickau, zumeist – wie damals üblich – in einem Zelt oder einer Bude auf dem Marktplatz. „Bis zum Frühjahr 1688 heilt Johann Andreas Eisenbarth im Altenburgischen über 200 Patienten von Brüchen, Blindheit (Starleiden), Hasenscharten und Krebsgeschwüren.“
Im März 1688 verließ Eisenbarth das Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg und ließ sich in Weimar nieder. Eisenbarths Ruf als guter Wundarzt war ihm vorausgeeilt, so dass er in Weimar und im nahen Buttstädt zahlreiche Patienten behandeln durfte. Bereits am 10. Mai 1688 erhielt Eisenbarth auf seinen Antrag hin sein zweites Privileg, ausgefertigt im Namen von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und gültig für die beiden Herzogtümer Sachsen-Weimar und Sachsen-Jena. In diesem Privileg wurde Eisenbarth bescheinigt, „uf eine besonders geschwinde arth, auch ohne große schmerzempfindung“ zu operieren. Zugleich wurde ihm in diesem Privileg erlaubt, seine Arzneimittel öffentlich anzubieten (also legal in Konkurrenz zu den örtlichen Apothekern zu treten), auch außerhalb der Jahr- und Wochenmärkte zu praktizieren – und vor allem: Es legte fest, „daß neben Ihme kein ander von dergleichen Wissenschaft und Profession in den Landen der Fürstenthümer Weimar und Jena öffentlich auf den Wochen-Märckten noch auch außerhalb derselben auftreten noch sich sothane Gebrechenzu curieren und zu heilen unterfangen dörfe“.

Bereits am 18. Februar 1689 konnte Eisenbarth seinen Wirkungsraum erneut erweitern: Seinem Antrag auf ein Privileg für das benachbarte Erfurt wurde durch den 4. Statthalter Erfurts, Erzbischof Anselm Franz von Mainz, stattgegeben. Diese weit reichende Erlaubnis ermöglichte es ihm, „so wohl in unserer Stadt Erffurth als in andern unsern Landen auf offenen Wochen- und Jahrmärckten gegen billige (angemessene) Belohnung ungehindert“ zu praktizieren; ferner dürfe er „dabey seine Wahren öffentlich verkaufen, dergleichen aber keinem andern erlaubet werden möchte“. Auch dieses Privileg sicherte Eisenbarth somit eine Monopolstellung auf den Märkten in Erfurt und in den ländlichen Besitztümern des gesamten Erzbistums Mainz.
Auferlegt wurde ihm vom Erzbischof, die Armen umsonst zu kurieren und „sich alhier in die Bürgerschafft einzulassen“. Eisenbarth kam
dieser Aufforderung umgehend nach, wurde im März 1689 Bürger von Erfurt, behielt aber seinen ständigen Wohnsitz in Altenburg bei. Seine Einbürgerung ist im Ratsprotokoll verzeichnet mit dem Eintrag „Dr. Eisenbart, ein Bruchschneider“. Eisenbarth selbst benutzte aber auch weiterhin nicht den (ihm auch nicht zustehenden) Doktorgrad, sondern nannte sich mit behördlicher Erlaubnis nunmehr Stadtarzt von Erfurt.

In seiner Dissertation ,,Der Landarzt und Arzneimittelfabrikant Johann Andreas Eisenbarth (1663–1727)“ bezeichnete der Arzt Karl Hieke im Jahr 2001 die Anzahl der Privilegien, die Eisenbarth erwerben konnte als „beispiellos“: Die zehn Dokumente galten zunächst für Sachsen-Gotha-Altenburg (1686), Sachsen- Weimar und Sachsen-Jena (1688) sowie für Erfurt und das Kurfürstentum Mainz (1689). Es folgten: das Kurfürstentum Sachsen nebst dessen zugehörigen Ländern (1694), hierzu gehörte ab 1697 auch das Königreich Polen; Oberschlesien und Niederschlesien (1697), ausgestellt vom kaiserlichen Oberamt Breslau; Brandenburg (1697); Hessen-Kassel (1704); Preußen (1707/08 und erneut1714/15); Braunschweig-Lüneburg (1710) mit
Hannover und Niedersachsen, weswegen sich Eisenbarth nach der Begründung der Personalunion
mit Großbritannien ab 1714 auch ,,Königlich Großbritannischer Landarzt“ nennen konnte; und schließlich Sachsen-Saalfeld und Sachsen-Meiningen (1713). Die ihm erteilten Privilegien ermöglichten es Eisenbarth schließlich, weite Teile des damaligen Heiligen Römischen Reichs Rücksicht auf Zollschranken – und damit verbundene Abgaben auf mitgeführte Waren – zu bereisen.
Von besonderer Bedeutung war für Eisenbarth das Privileg vom 25. März 1707 für Preußen, persönlichunterzeichnet von König Friedrich I., das es ihm nunmehr auch erlaubte, seine „Medicinalia“ zu verordnen „ohne dass Ihme von denen Medicis Apothekern, und sonsten jemand, darunter einige hinderung geschehe“, und zwar „bey all denen sich Ihme anvertrauenden Patienten frey und ungehindert innerlich und euserlich“; ferner, dass er „auch dieselbige allen und jeden, die sie verlangen, Verkauffen und verschicken möge.“ Auf diese Weise durfte Eisenbarth mit seinen Heilmitteln legal in Konkurrenz sowohl zu den Apothekern treten als auch zu den akademisch ausgebildeten Internisten, denen allein bis dahin das Vorrecht zugekommen war, innerlich wirksame Arzneimittel zu verordnen und zu vertreiben. Das Privileg wurde am 25. März 1708 erneuert und nach dem Tod von Friedrich I. von dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm I. am 29. Juni 1715 bestätigt.
Die Privilegien waren zugleich ein Qualitätsnachweis, der es Eisenbarth auch andernorts ermöglichte, seinem Handwerk nachzugehen. Die Landesfürsten des deutschen Reiches erteilten solche Arbeitserlaubnis-Bescheinigungen für Handwerkschirurgen nur, nachdem diese von Hofärzten und Physikern (Amtsärzten) auf ausreichende theoretische Kenntnisse und handwerkliche Fähigkeiten geprüft worden waren. Hintergrund dieser Regelung war, dass im 17. und 18. Jahrhundert vor allem die Versorgung der ländlichen Bevölkerung nicht gesichert war. Denn die Handwerkschirurgen ließen sich wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten vorzugsweise in den dichter besiedelten Städten nieder. Auf dem Land tummelten sich zahllose Quacksalber, das Handwerk des Chirurgen wurde dort auch von Schmieden und Scharfrichtern ausgeübt. Da die Zunft der Bader und Barbiere, der die Handwerkschirurgen angehörten, den Zuzug neuer Kollegen in den Städten begrenzte, sicherten die Privilegien einem Handwerkschirurgen, der sich mangels freier Chirurgenstellen nicht niederlassen konnte, ein Auskommen als umherziehender Landarzt.