Bekannt sind die Strecken des Solling offensichtlich auch bei Bikern. Die kommen uns – obwohl Dienstag und damit ein echter Arbeitswochentag – immer wieder im Pulk entgegen. Fetzen durch die Haarnadelkurven, dass ihre Knie fast den Straßenbelag berühren und ihre helmbewehrten Köpfe nur um wenige Zentimeter unsere Bordwand verfehlen. Erst als die Berge flacher werden, die ausgedehnten Wälder Wiesen und Feldern weichen, hat auch unser Navi ein Einsehen. Wechselt über die Weser und damit auf eine breite Bundesstraße ohne heikle Überraschungen. Nach fast fünf statt der geschätzten drei Stunden haben wir endlich unser Ziel Hann. Münden erreicht.
Die Uhr zeigt halb zwei, also 13.30 . . . und der Platz am Weserstein ist fast voll. Bis auf vier oder fünf Flächen. Eine davon dürfen wir uns aussuchen. 24 Stunden sollen sechs Euro kosten. Acht Stunden Strom einen Euro. Anfangs versuche ich den blechernen Kassierer mit Zwei-Euro-Münzen zu füttern. Die spuckt er immer wieder aus. Ich spendiere ihm 50-Cent-Stücke. Auch die will er nicht haben. ,,Der geht nur mit Ein-Euro-Stücken“, kommt eine Stimme von hinten. Ich zurück zum Troll. Münzen holen. Nach dem Einwurf gibt’s tatsächlich ein Ticket. Auf dem Zettel steht allerdings als Parkende 18 Uhr am Einwurftag. Zum Preis von fünf Euro. Die sechste Münze will er nicht haben. Aus der wird anschließend acht Stunden Strom.

Als wir danach in die Stadt starten, ist der Wohnmobilpark Tanzwerder am Weserstein bis auf einen Platz besetzt. Den belegt ein paar Minuten später ein Pkw samt Hänger. Für uns geht’s nun über die hölzerne Fußgängerbrücke in die geschichtsträchtige Stadt. Wir benötigen Kleingeld für Strom- und Ticketautomat. Meine Ingrid will bei der Commerzbank einen 20-Euro-Schein in Ein-Euro-Münzen tauschen. Und kommt mit leeren Händen zurück. In diesem Geldhaus gibt’s kein Bargeld mehr. Weder zum einzahlen noch zum auszahlen. Hier wird nur noch ,,mit Papier“ gearbeitet, erklärt die Angestellte hinter’m Tresen. Später hilft uns eine chinesische Verkäuferin in einem Laden in der Einkaufsstraße mit einer ganzen Rolle (25 Ein-Euro-Stücke) aus der Verlegenheit. Dafür ein dickes Dankeschön.

Vorbei am Rathaus geht’s hinein in die Fußgängerzone. Hier reiht sich Geschäft an Geschäft. Dazwischen immer wieder Leerstände und Gebäude, die offensichtlich dem Verfall preisgegeben sind. Unweit der alten Weserbrücke finde ich einen Zettel an solch einem Gebäude, an dem der Zahn der Zeit schon ziemlich deutlich sichtbar ist. Ein Immobilienhai hat, so ist zu lesen, vor einigen Jahren eine stattliche Anzahl der historischen Bürgerhäuser für ,,nen Appel un nen Ei“ erworben. Mit dem Versprechen, die Gebäude zu sanieren. Nach dem Fertigstellen von zwei oder drei Wohnungen wurde die Aktion eingestellt. Nun bietet er die unter Denkmalschutz stehenden Altimmobilien für 1,5 Millionen Euro der Stadt zum Rückkauf an.
Den zweiten Schauer dieses Tages reiten wir in einem Eiscafé ab. Zur vollen Stunde sind wir anschließend wieder am Rathaus und erleben das Figurenspiel in luftiger Höhe. Dort zieht Dr. Eisenbarth zu den Klängen des Eisenbarth-Liedes einem Klienten einen riesigen Backenzahn (was der echte Eisenbarth in seinem Leben nie getan hat – siehe oben). Der Abend klingt aus – wie Zuhause – mit dem ,,Perfekten Dinner“ bei Vox und dem Wetterbericht im Ersten. Wenn der zweibeinige Wetterfrosch Recht behält steht uns in den kommenden Tagen wechselhaftes Wetter, also Sonne und Wolken, Sturm, Regen und Regenpausen ins Haus.

Am nächsten Morgen hat der Wind aufgefrischt und bläst weiße und graue Wolken vor sich her. Hin und wieder gibt’s ein paar Tropfen von oben. Mehr nicht. Wir frühstücken in aller Ruhe und machen uns erneut auf die Socken Richtung Altstadt. Begutachten die alte Weserbrücke und das Schloss (leider nur von außen), bummeln über den Grünmarkt vorm Rathaus. In der Flaniermeile hat meine Ingrid einen Gemüseladen ausgemacht, in dem der Spargel erheblicher preisgünstiger ist als auf dem Wochenmarkt des Rathausplatzes. Nach ein paar Stunden Sightseeing treten wir den Rückweg zum Troll an. Mit zwei Schnitzeln, einigen Scheiben Leberkäse, zwei Päckchen Erdbeeren und mit einer großen Portion (deutschem) Spargel, das Kilo für 5,99 Euro. Den gibt’s zu Mittag. Als Nachtisch serviert meine Copilotin die frischen Erdbeeren, die natürlich mit Schlagsahne veredelt sind. Dass der kleine Zeiger der Uhr die zwölf schon lange überschritten hat, ist dabei egal. Für uns ist es nun der erste Spargel des Jahres, weil bei uns Zuhause die Kilopreise zwischen zwölf und vierzehn Euro einfach zu hoch waren.

Ganz, ganz ruhig geht’s den restlichen Tag zu. Im und außerhalb des Troll. Wir horchen in uns hinein, pflegen unsere rundgetretenen Füße, machen Siesta, klicken am Abend durch die Fernsehprogramme, nachdem wir das ,,perfekte Dinner“ und die Nachrichten samt Wetterbericht ,,abgearbeitet“ haben. Draußen bläst eine ziemlich frische Brise, macht das Sitzen in den Campingstühlen vorm Troll zu einem unwirtlichen, kühlen Vergnügen. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Und damit der Wetterfrosch von gestern wenigstens ein bisschen Recht behält, fallen ab und zu ein paar Tropfen. Ein paar, mehr nicht. Noch einmal opfere ich der Stromsäule einen Euro, für den sie acht Stunden lang Energie liefert. Genau acht Stunden, keine Sekunde mehr. Das habe ich gestern Abend festgestellt. Und auf Vorrat für 16 oder 24 Stunden einzuwerfen bringt nichts. Münze zwei und drei sind dann futsch. Eine Gegenleistung dafür gibt’s nicht. Da hilft es nur, den Kühlschrank am Abend auf Gas umzustellen, sonst hat das Eisfach am nächsten Vormittag Zimmertemperatur.

Stapelrecht Das Stapelrecht war das im Mittelalter von den Landesherren einzelnen Städten verliehene Recht, durchziehende oder in einem bestimmten Umkreis vorbeiziehende Kaufleute zu zwingen, ihre Waren für eine bestimmte Zeit zum Verkauf auszustellen, wobei die Bürger das Vorkaufsrecht hatten. Oft war mit dem Stapelrecht das Umschlagsrecht verbunden, d. h., die fremden Waren mussten auf städtischen Wagen oder Schiffen weiterbefördert werden. Der Stapelzwang konnte durch eine Abgabe abgelöst werden. Niederlags- und Stapelrechte waren dann besonders erfolgreich, wenn die jeweils berechtigte Stadt nicht umgangen werden konnte. Was bei der Schifffahrt vorgegeben war, konnte bei Landstraßen bisweilen nur schwer durchgesetzt werden. Niederlags- und Stapelrechte waren dann besonders erfolgreich, wenn die jeweils berechtigte Stadt nicht umgangen werden konnte. Was bei der Schifffahrt vorgegeben war, konnte bei Landstraßen bisweilen nur schwer durchgesetzt werden.

Die Handelsvorrechte der Stadtbürger kamen in mehrfacher Hinsicht zum Ausdruck: Nur Bürgern sollte es erlaubt sein, mit Waren innerhalb und außerhalb der Stadt  Handel zu treiben. Die in das Land kommenden fremden Händler durften nur in den Städten kaufen und verkaufen und nur mit bürgerlicher Vermittlung untereinander Handel treiben. Schließlich sollten alle auf dem Lande produzierten und nicht zum Selbstverbrauch bestimmten Waren auf die städtischen Märkte gebracht werden. Auf dem Land durfte der Handel lediglich auf befreiten Jahrmärkten und Kirchtagen vorübergehend ausgeübt werden. Der direkte Einkauf beim ländlichen Produzenten, der Handel außerhalb der bezeichneten Märkte war untersagt. Im 16. Jahrhundert gehörte Münden zu den wichtigen Handelsstädten, übte das Stapelrecht aus und trieb den Weserhandel bis nach Bremen.

 

Im Staatsarchiv in Bremen habe ich Folgendes gefunden:

Kaiser Karl V. bestätigt der Stadt Bremen unter Hinweis auf ihre alten Rechte und Gewohnheiten und auf ihre Verdienste für das Reich das Privileg, dass niemand Korn (Weizen), Roggen, Mais, Gerste, Hafer, Mehl oder anderes Getreide wie auch Wein und Bier durch die Stadt Bremen oder ihr Gebiet führen dürfe, ohne solche Waren in Bremen zum Verkauf anzubieten. Regensburg, 27. Juli 1541. (Ausfertigung auf Pergament)

Wir Karl der Fünfft von Gots gnaden Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Merer des Reichs in Germanien, zu Hispanien, baider Sicilien, Iherusalem, Hungern, Dalmatien, Croatien etc. Kunig, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgundt etc., Grave zu Habspurg, Flanndern unnd Tyrol etc. Bekennen offentlich mit disem brewe unnd thuen kundt allermenigelich, das unns die ersamen unnsere und des Reichs lieben getrewen Bürgermaister und Rathe der Stat Bremen durch ir erbare Botschafft haben fürbringen lassen Wiewol in der Stat Bremen nach altem herkomen und gewonhait geübt und gepraucht auch inen under andern hern Privilegien jüngstlich von uns confirmiret worden, das niemandt kain Korn, Rockhen, Maiß, Gersten, Habern, Mel noch ainich ander getraidt deßgleichen Wein und Bier vor die Stat Bremen oder oder durch ire Gepiet auf oder abhin beyfuern, sonder sölches alles in der Stat Bremen (da es dann zu ainer yeden zeit nach pillichem werdt verkaufft und verhandelt werden möge) vertreiben unnd verkauffen soll. So werde doch nichtsdestominder von etlichen, die den vorkauff suechen understanden, solch getraidt, auch Wein und Bier dardurch in aufschlag und Tewerung zu bringen und ettwo nachdem inen solches irem übermessigen vorhaben nach, under den einwonern der Stat Bremen nit abgeen wolt, von dannen oder sonst vorbey zu fuern. Welches inen und gemainer Stat an obbervirter irer habenden freyhait zu merckhlichem abbruch unnd verlezung raichte. Und uns darauff underthenigelichen anrueffen und bitten lassen, das wir inen solch vergemelt freyhait und hergebrachten geprauch widerumb von newem außtrückhlich zu confirmiren und zu bestetten gnedigelich geruechten. Des haben wir angesehen solch der gemelten Bürgermaister und Rathe der Stat Bremen, die müetig vleissig bette, Auch die getrewen und willigen dienste so ire vorfordern und sy unsern vorfaren, auch uns und dem hailigen Reiche getahn haben und hinfuro wol thuen mugen und sollen. Und darumb mit wolbedachtem muethe, guetem zeitigem Rathe die vorbestimpt freyhait und geprauch gnedigelich confirmiret und bestett, Confirmiren und bestetten inen die auch hiemit von newem, aus Römischer Kaiserlicher Macht, wissentlich in crafft diz Brewes, was wir inen daran zu confirmiren und zu bestetten haben, sollen und mugen. Und mainen, setzen und wellen, das solche freyhait und herkomen gantz krefftig sein und beleiben, steet gehalten und volnzogen, und von niemandts dawider gethan noch gehanndelt werden solle. Doch das die Frembden mit iren Waren im verkauffen und langem aufhalten wider die billichait nit beschwerdt werden. Alles bey der peen in gemelten freyhaiten der Stat Bremen und unser hievor daruber außganngen confirmation begriffen, das mainen wir ernstlich. Geben in unser und des Reichs Stat Regenspurg am siebenundzwanitzigisten Tag des Monats Julii. Nach Christi gepurde fünffzehenhundert und im ainundviertzigisten unnsers Kayserthumbs im ainundzwanitzigisten und unserer Reiche im sechs und zwanitzigisten Jaren.