Morgen wollen wir in Hann. Münden unsere Zelte abbrechen und wieder nordwärts ziehen. Nach Höxter. Von Niedersachsen geht’s dann nach Nordrhein-Westfalen. Bei Wikipedia lese ich: Höxter zählt zu den ältesten Städten in Norddeutschland. Vor Jahren sind wir schon einmal dort gewesen. Bei Temperaturen, die jeden Eskimo zur Verzweiflung gebracht hätten. Uns lief der Schweiß in Strömen. Damals drehten wir nur eine kleine Runde durch die Stadt und kehrten so schnell als möglich in den Schatten der Markise am Troll zurück. Als wir heute Morgen aufwachen, ist’s draußen beinahe herbstlich geworden. Das Quecksilber hat einen Sprung nach unten gemacht. Ich finde es angenehm kühl. Nicht so angenehm ist, was von oben kommt. Erst ganz fein als einzelne Tröpfchen, dann als kräftiger Schauer. In einer Pause klemme ich die Stromleitung ab, besuche die öffentliche Toilette (sehr gepflegt und pieksauber), dann geht’s los. Mit einem Umweg über die östliche Weserseite. Vorbei an der Fürstenberger Porzellanmanufaktur und durch Boffzen. Dann auf der Fürstenberger Straße Richtung Höxter. Von der westlichen Seite aus (durch die Stadt) können wir den Stellplatz Am Floßplatz nicht erreichen. Die Weserbrücke ist für Wagen über drei Tonnen und zwei Meter Breite gesperrt. Und beides trifft auf unseren Troll zu. Kurz vor Mittag erreichen wir unser Ziel. Bei herrlichem Sommerwetter. Von  oben strahlt das Tagesgestirn, aus Süden weht eine frische Brise. Alles genau richtig für uns. Auch hier wie in Hann. Münden ist der Platz bereits vor Mittag mehr als gut besetzt. Überwiegend mit Silberrücken und ihren Frauen. Wir ,,erwischen“ noch eine Lücke, allerdings ohne Strom. Da die Batterien voll sind kein Problem. Nur mit dem Akku des Laptop muss ich haushalten. Der bringt seine Leistung nur noch zwei Stunden lang. Dann ist empti.

Von diesem Stellplatz direkt an der Weser, genieße ich den Blick auf die Kulisse der Altstadt. Der Platz ist mit einer ,,Holiday Clean" Ver- und Entsorgungsstation ausgestattet. Er hat 65 Stellflächen, kostet 7,- Euro/Nacht, hat V/E, Brötchenservice von Ostern bis zu den Herbstferien. Gasflaschenlieferung ganzjährig. Für uns gibt’s heute die zweite Portion Spargel. Ingrid mit dem Leberkäse, ich mit dem zweiten Schnitzel, dass ich in Hann. Münden gekauft habe. Danach ist eine Stunde Siesta angesagt. Anschließend brechen wir auf. Erreichen nach zwei Verschnaufpausen die Brücke über die Weser und sind in der Altstadt. Ingrid macht eine Stippvisite in der Touristinformation und kehrt mit magerer Beute zurück. Zwei dünne Flyer. Der eine als Stadtplan, der zweite als kleiner Stadtführer. Der gibt zwar nicht viel her, ermöglicht uns aber eine gute Übersicht über die wichtigsten Anlaufpunkte, die ich mir vorgenommen habe. Das historische Rathaus, das Haus Horstkotte, das Amdam-und-Eva-Haus, die Nikolaikirche, den ehemaligen Lehnshof Dechanei bis hin zum Tillyhaus.

Doch vor der Bildung kommt noch einmal der Genuss zu seinem Recht. Beim Italiener und seinen echt leckeren Speiseeiskreationen. Der plitsche Kellner kennt sich sogar aus. Weiß, welche Angebote kein Gluten enthalten. Von dem könnte sich manche deutsche Serviererin eine Scheibe abschneiden. Anschließend geht’s im Bummelschritt erst durch die Fußgängerzone nach links, dann nach rechts. Ich staune über die historischen Fachwerkhäuser mit reichem Schnitzwerk. Soviel Pracht habe ich in Hann. Münden nicht gesehen. Hier wurde vor hunderten von Jahren viel Geld ausgegeben und immer wieder liebevoll restauriert.

 

Erst am späten Nachmittag geht’s zurück zum Floßplatz. Morgen werden noch einmal der Stadt einen Besuch abstatten. Erst übermorgen geht’s weiter. Und als ob er uns den zweiten Tag versauen will, kündigt der Meteorologenschlaumeier im Ersten eine Schlechtwetterfront aus West an. Sie soll angeblich von Frankreich und den Britischen Inseln kommend über Deutschland (bis auf den Süden) nach Osten ziehen. In Gedanken richte ich mich schon mal auf Regenschirm und Ostfriesennerz ein.

Höxter blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Insbesondere die Zeugnisse der Weserrenaissance prägen das Stadtbild. In der Altstadt stehen noch heute etwa 60 Gebäude aus der Zeit zwischen 1540 und 1630. Hierzu zählen das historische Rathaus sowie mehrere Adelshöfe und Bürgerhäuser. Mit ihren Anbauten in Form von Utluchten, Erkern oder Treppentürmen sowie mit ihren reichen Ornamenten und Inschriften gelten sie als typische Beispiele der Weserrenaissance. Als Hanse- und Handelsstadt blühte Höxter vor allem im 16. Jahrhundert auf.

Doch was prägt und woher kommen die Einflüsse für diesen Baustil? Ausgehend von einer geistigen und dann auch materiellen Rückbesinnung auf die klassische Antike, kamen die Einflüsse in erster Linie aus Italien, Süddeutschland, Frankreich und den Niederlanden. Sie wurden vermittelt über die Kontakte der Fürstenhöfe sowie Reisen der Adligen und Kaufleute. Für Höxter ist aber auch die zeitliche Nähe zur Reformation, die 1533 durch die Vermittlung des Landgrafen Philipp des Großmütigen Einzug hielt bedeutsam. Mit der Reformation wuchs die Bereitschaft der Bürger, sich neuen geistigen Strömungen zu öffnen. Ausdruck dieses Wandels sind neue Ornamentformen und Inschriften mit moralischen und politischen Botschaften. Die renaissancezeitliche Ornamentik reicht von Fächerrosetten und Pflanzenschnittwerk über Zahnschnitt- und Perlstabschnitzereien bis zum Beschlag- und Rollwerk.