Die Mittags- und frühen Nachmittagsstunden verbringen wir mit ,,in uns hineinhorchen“. Ingrid im Troll, ich draußen mit Blick zur Weser. Aus dem wird über längere Zeit allerdings ein Blick nach innen, auch wenn ich dort nichts Aufregendes entdecken kann. Aufregend ist aber am fortgeschrittenen Nachmittag die dunkelblaue Wand am Himmel, die langsam aber sicher aus Süden erst über die Berge, dann über die Stadt und anschließend weserabwärts auch über den Stellplatz zieht. Mit kräftigen Böen und einem Schauer, der zumindest minutenlang an eine Sintflut erinnert. Den Rest des Tages wird’s nichts mehr mit draußen sitzen, mit Gemütlichkeit an einem warmen Sommerabend.  Es dauert lange, sehr lange, bis sich die Schlechtwetterfront endlich verzogen hat. Wie schön, dass sich gestern Abend die Voraussage im Fernsehen zumindest im Auftauchen der blauschwarzen Wolken in der Zeit vertan hat. Sonst wäre aus dem zweiten Stadtbummel wirklich nichts geworden. Erst am späten Abend hört es auf, auf die Dachfenster zu trommeln. Es wird eine ruhige Nacht.

Bodenwerder Am nächsten Morgen klettern wir gegen halb acht aus den Betten. Blauer Himmel und Sonnenschein ist angesagt. Dazwischen weiße Schönwetterwolken. Gegen neun starte ich durch. Dann geht’s über die Fürstenberger Straße Richtung Holzminden, Bevern, Eschershausen nach Bodenwerder. Alles in allem knapp vierzig Kilometer. Wir wollen die idyllische Heimat des ,,Lügenbaron Münchhausen“ besuchen, jahrhundertealte Fachwerkhäuser samt Resten der alten Stadtmauer und Festungstürmen und das Münchhausen-Museum.  Da kaum Verkehr ist, schnurrt der Troll flott voran. Ich hoffe von den 25 Plätzen noch einen zu erhaschen. Schließlich ist Wochenende und da ist außer den Rentnern auch die arbeitende Bevölkerung unterwegs. . . . und staune, als ich auf dem Gelände unweit der Weser ankomme. Knapp die Hälfte der Stellflächen sind belegt. Ich kann mir eine aussuchen, die mir zusagt . . . und auf der Fernsehempfang möglich ist.

Kaum aufgestellt und das Ticket für sechs Euro gelöst – durch meinen Behindertensausweis spare ich nicht nur meine Kurtaxe, sondern auch einen Euro für Ingrid als Begleitperson – sind wir schon unterwegs. Wollen den Ort besichtigen, in dem Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen am 11. Mai 1720 geboren wurde und in dem er am 22. Februar 1797 starb. Sein Geburtshaus – das heutige Rathaus – wurde 1603 erbaut und ist seit 1936 in Besitz der Münchhausenstadt Bodenwerder. Im Rathauspark erinnern zwei Bronze-Skulpturen an die abenteuerlichen Geschichten des berühmten Mannes. Vor Jahren waren wir schon einmal hier. Mitten im Winter. Bei Regen und Schneetreiben. Damals war es saukalt und echt nichts los. Die meisten Gaststätten und Museen hatten geschlossen. Heute ist das Thermometer im Wohlfühlbereich. Die Restaurants haben geöffnet. Sitzgruppen in der Fußgängerzone laden zum Verweilen ein.

Wir bummeln ein Stückchen an der Weser entlang. Beobachten Ausflugsschiffe, die (überwiegend) fortgeschrittene Jahrgänge - mit und ohne Trolley – ein Stückchen Seefahrt erleben lassen. Vorbei am alten Fährhaus und Zollhaus. An dieser Stelle wurde die Weser bis 1883 im Wechsel von Brücken, Schiffsbrücken und Fähren überquert. 1883 wurde weseraufwärts die erste steinerne Straßenbrücke errichtet. Seitdem wird das Fährhaus nur noch als Wohnhaus genutzt. Wir spazieren durch enge Straßen mit mal mehr, mal weniger gepflegten Fachwerkhäusern und stellen fest, dass es auch hier etliche Ladenleerstände in bester Geschäftslage gibt. Nach geraumer Weile passieren wir das Geburtshaus des Lügenbarons. Von ihm stammt der Satz: ,,Wenn du eine erlogene Geschichte oft genug erzählst, glaubst du sie am Ende selbst.“ Sicher ist, dass Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen in seinem Leben sehr viel erlebt hat und außerdem ein brillanter Geschichtenerzähler war. Dass man ihm seine ,,Stories“, sein geistiges Eigentum, geklaut hat und anonym von einem seiner Zuhörer ohne sein Wissen in England publiziert wurde, davon später.

Wir werfen einen Blick auf das ,,Heerlager“ des Mittelaltermarkts, der am Nachmittag starten soll. Nähertreten und die historisch nachempfundenen Gestalten in Augenschein nehmen geht leider nicht, weil das Gelände noch mit einem Flatterband abgesperrt ist. Vorbei an einer von etlichen Münchhausenfiguren ,,stürmen“ wir das Münchhausenmuseum neben dem Rathaus in der um 1300 erbauten ,,Schulenburg“. In dem auch Hunde willkommen sind. So darf Calle einen spannenden Vortrag über den Namensgeber der Münchhausenstadt mit anhören. Darf sich von der Kanonenkugel, auf der der Baron durch die Lüfte ritt, bis hin zum Hirsch mit dem Kirschbaum zwischen den Geweihstangen alles ansehen, was in den unglaublichen Geschichten vorkommt. Das Münchhausenbuch machte ihn unsterblich. Das Museum hat zur Zeit 1150 verschiedene Ausgaben in 47 Sprachen im Bestand. Leider hatte der Adlige davon keinen finanziellen Vorteil, weil es zur Zeit der Drucklegung noch kein Gesetz über das Urheberrecht gab.

Unser Stadtbummel führt uns anschließend zurück zum Troll. Doch zuvor kehren wir in der Fußgängerzone beim Italiener ein. Spendieren uns einen Schwarzwaldbecher (mit Sahne). Mit Blick auf die Stadtkirche St. Nicolai lässt es sich gut aushalten. Wegen des ständige wiederkehrenden Hochwassers wurde im 19. Jahrhundert mit der Erhöhung des Straßenniveaus auch der Fußboden der Kirche um mehr als einen Meter höher gelegt.  Von unserem Sitz im Schatten können wir auf das Piggehaus neben der Kirche sehen. 1654 erbaut war es zunächst Pastorenhaus, später eine Buchdruckerei.

Mitten in der Fußgängerzone steht im gleißenden Sonnenlicht der große Münchhausenbrunnen. Er wurde 1994 von Bonifatius Stirnberg aus Aachen gefertigt und zeigt die drei bekanntesten Münchhausengeschichten: das Pferd am Kirchturm, den Entenflug und den Ritt auf der Kanonenkugel. Vorbei am Festungsturm am Mühlentor geht’s zurück zum Platz. Er sicherte seit dem 13. Jahrhundert eine Brücke über den Weserarm und den einzigen Zugang auf die Weserinsel in die Stadt. Der Weserarm, der um die Altstadt führte, wurde 1948 zugeschüttet.

Den Rest des Nachmittags strecken wir die Beine im Schatten unter der Markise aus. Kühlen uns mit einem ,,Heißgetränk“ (Tee) ab und lassen alle fünfe grade sein. Und weil die Sonne unsere Batterien wieder randvoll geladen hat, gibt’s am Abend Fernsehen samt Wetterbericht und ,,Sommerprogramm“. Will heißen: Die xte Wiederholung eines alten Spielfilms und irgendeine Rateschau, die nun wirklich niemanden mehr vom Hocker reißt. Wir entscheiden uns am Ende fürs Erste. ,,Klops braucht der Mensch“ mit Dieter Hallervorden. Ein echter Weichspüler und dazu schlecht gemacht. Noch schlechter das ,,Radebrechen“ von Hallervorden, der hier einen alten polnischen Juden spielt, der dem Holocaust entronnen die Nachkriegsjahre in Deutschland erlebt. Für die Zeit hätte ich besser am Laptop die Geschichte unserer Fahrt weitergeschrieben, hätte die Fotos gesichtet und bearbeitet. Hätte. Geht aber nicht, weil wir seit Tagen auf Stromanschluss verzichten. Die Sonne lädt unsere Batterien. Die körpereigenen und die Bordbatterien. Mein Akku im Laptop kriegt davon leider nichts ab. Dort steht mir noch eine knappe halbe Stunde ,,Arbeitszeit“ zur Verfügung.