Münchhausens Leben wurde von Anton Ulrichs Schicksal überschattet. Zwar überstand er den Umsturz heil – vermutlich, weil er zu dieser Zeit in Finnland kämpfte –, aber seine gerade begonnene Karriere war dahin: Die weitere Beförderung zum Rittmeister ließ ein ganzes Jahrzehnt – bis 1750 – auf sich warten. Die Garnisonstadt Riga wurde in diesen Jahren hauptsächlich sein Aufenthaltsort. Diese Rigaer Jahre beeinflussten wohl seine Fähigkeiten als Erzähler, denn in den deutsch-baltischen adligen Freundeskreisen wurde gerne ausgiebig und phantasievoll erzählt.

Von seinem Freund, dem baltischen Landadligen Georg Gustav von Dunten, wurde er wiederholt auf dessen Landgut nahe dem damals livländischen, heute lettischen Ort Ruthern (Dunte) eingeladen, wo beide der Entenjagd nachgingen. In einer Schenke der Stadt soll sich Münchhausen erstmals als Geschichtenerzähler betätigt haben. Auf von Duntens Landgut lernte der Baron auch dessen Tochter Jacobine von Dunten kennen, die er dann am 2. Februar 1744 in der Kirche des nahegelegenen Dorfes Pernigel (Liepupe) heiratete.

1750 nahm Münchhausen seinen Abschied, kehrte nach Deutschland zurück und verlebte mit seiner Frau kinderlos weitere 40 Jahre auf dem ererbten Gut in Bodenwerder. Er führte das Leben eines Landedelmannes, der sein Gut bestellt, geselligen Verkehr mit seinen Gutsnachbarn pflegt und dessen liebster Zeitvertrieb die Jagd war. Im Freundeskreis begann sein Erzähltalent allmählich berühmt zu werden. Gäste kamen nach Bodenwerder, auch von weit her, um seine fabelhaften Geschichten zu hören, darunter möglicherweise auch der Kasseler Museumsdirektor Rudolf Erich Raspe.

Nach dem Tod seiner Frau 1790 warb der alte Münchhausen um sein Patenkind, die erst 17-jährige Tochter des Majors von Brunn aus Polle. Am 12. Januar 1794 ehelichte er die 20-jährige Bernhardine Brunsig von Brunn. Schon kurz nach der Hochzeit kam es zu Zerwürfnissen. Wegen ehelicher Untreue reichte der 73-jährige Baron die Scheidung ein. In einem drei Jahre lang andauernden und aufsehenerregenden, ruinösen Scheidungsprozess endete die Ehe. Ein Münchhausenbuch, das auf dem Richtertisch landete, sollte ihn als unglaubwürdig erscheinen lassen, als ,,Lügenbaron“. Der Baron verlor durch die Prozesslänge fast sein ganzes Vermögen. 1794 musste er daher das Gut Bodenwerder formell an seinen Neffen Wilhelm abtreten. Der Scheidungsprozess war noch nicht beendet, als Münchhausen am 22. Februar 1797 starb und in der Klosterkirche Kemnade beigesetzt wurde. Eine Steinplatte erinnert heute an den berühmten Baron.

Ein gelegentlicher Gast in Bodenwerder, der Universalgelehrte und Kustos Rudolf Erich Raspe, stahl – um Schulden zu begleichen – 1774 Münzen aus den landgräflichen Sammlungen in Kassel. Der Diebstahl wurde entdeckt, Raspe floh nach England. Um Geld zu beschaffen, veröffentlichte er 1785 in London eine Reihe von Anekdoten und Reiseabenteuern unter Münchhausens Namen, nachdem bereits 1761 Graf Lynar und 1781 ein anonymer Autor erste Münchhausiaden publiziert hatten. Raspes Buch wurde ein ungeheurer Erfolg und zog vier stets erweiterte Neuauflagen nach sich. 1786 wurden diese Geschichten von Gottfried August Bürger ins Deutsche übersetzt und dabei nochmals um viele Abenteuergeschichten angereichert. Diese Publikationen machten Hieronymus von Münchhausen zwar weltberühmt, brachten ihm jedoch den Ruf als „Lügenbaron“ ein und gaben ihn – in seinen Augen – der Lächerlichkeit preis. Der Ärger darüber vergällte ihm, neben dem späten Eheabenteuer und dem nachfolgenden Ruin, den Rest seiner Jahre.

Anlässlich seines 200. Todestages, stiftete die Stadt Bodenwerder im Jahre 1997 den ,,Münchhausen-Preis". Er wird alljährlich im Mai im Rahmen eines Stadtfestes an Personen verliehen, deren darstellerisches Talent oder literarisches Werk dem historischen Vorbild ebenbürtig sind.

Am nächsten Morgen Wetter wie gehabt: Sommer, Sonne, Sonntagswetter. Heute soll es heimwärts gehen. Was heißt soll, muss es heimwärts gehen. In den nächsten Tagen stehen Termine ins Haus. Beim Hausarzt, beim Pneumologen, also beim Spezialisten für Lungenkrankheiten, beim Orthopäden. Dass es wieder einmal heiß wird, muss ich ja nicht besonders erwähnen. Das haben wir ja nun seit Tagen. Ich lasse nach gemütlichem Frühstück den Troll rollen. Will an der Weser entlang Richtung Heimat. Diese Strecke habe ich vor gut 60 Jahren mit dem Fahrrad (ohne Gangschaltung) samt Zelt abgeritten. Damals war ich begeistert. Auch in den folgenden Jahrzehnten bin ich auf der Heimreise vom Verwandtenbesuch in Hessen immer wieder einmal zwar nicht auf aber nahe am Weserradweg gen Bremen gedüst. Das will ich auch heute. Geht aber nicht. Die Bodenwerder haben sich gegen mich verschworen. Haben ihre Baufirmen überredet, alle Umleitungsschilder aus ihren Beständen, aus ihren Vorratsschuppen und -scheunen zu aktivieren und auf die Straßen zu stellen. Ich kann machen was ich will, ich stoße auf sie. Sperrschilder versperren mir die Weiterfahrt, Umleitungsschilder leiten mich um. Egal in welche Straße ich ausweiche.

Ich versuch’s in Bodenwerder nach Norden, nach Süden, nach Westen . . . und komme nicht auf die B 83 Richtung Hameln. Eine halbe Stunde vergeht. Mir steigt der Puls, im Wagen und draußen steigt das Thermometer. Ich halte an. Ingrid interviewt eine Passantin: ,,Hier ist alles dicht. Egal wohin Sie fahren.“ Letzter Versuch: Richtung Osten. Zurück über die Weserbrücke und auf der anderen Seite des Flusses nach Norden. Das gelingt mir tatsächlich. Danach geht’s über viele Kilometer Umweg Richtung Hameln, Rinteln, Nienburg und Verden in den Kreis Osterholz. Und weil wir konsequent auf Bundesstraßen bleiben, gibt’s auch keinen Stau, obwohl an diesem Sommersonnensonntag recht viele Ausflügler unterwegs sind. Leicht abgeschlafft aber ohne Knitterstellen an Trolls Außenhaut erreichen wir am frühen Nachmittag den Heimathafen in Steden.